Mittwoch, 30. November 2016

Tränenschwarz ./. Tod



Irgendwie hat es die Natur klug eingerichtet, dass wir zugleich alt und sarkastisch werden. Es erleichtert das Sterben ganz erheblich.
Matthias Eberling


Der letzte Tag des Novembers. Schon wieder Winter. Schon wieder der Tod. Gerade eben Fidel Castor (komm, einmal noch den schalen Gag, nur einmal noch). Der Blogger Dimi seit schon wieder viel zu vielen Wochen. Blogger Johannes ein halbes Jahr schon. Meine liebe Shirley bereits seit anderthalb Jahren. Nutzlos die Friseurdiplome, verloren die Skills bei der Kopfmassage, keine blonden Strähnchen mehr. Tot. Kürzlich lief ich an ihrem alten Laden vorbei. Es ist neu gestrichen. Deckweiß. Nichts blieb. Nur ein Schild. Wer will, kann sich einmieten.

Der Tod, die zentrale Randerscheinung. Ständig sterben Menschen. Dieses Jahr besonders, auch wenn es nur Prominente und niemanden aus meinem Umfeld getroffen hat. Roger Willemsen. Götz George. Bud Spencer. David Bowie. Als Vorbote dieses Pestjahrs Lemmy kurz vor Silvester. Heldensterben. Geballt.

Ich verstehe nicht, wie man dem Tod nichts gutes abtrotzen kann. So abgedroschen wie es klingt ist er die einzige Gerechtigkeit, die es gibt. Er trifft wirklich jeden. Der Tod diskriminiert niemanden. Er lässt niemanden aus. Sie. Mich. Bonzen. Deppen. Deutsche-Bank-Chefs. Fahrradnazis (wenn es dumm läuft recht schnell - LKW bei Rot und - fumm - Asphaltpizza). Face it: Wir werden alle alt, hässlich und in nicht wenigen Fällen dumm. Und dann sind wir weg. Wer berücksichtigt, dass alles Streben nach Irgendwas letztlich gar keinen Sinn ergibt, lebt sehr entspannt und glücklich. Oder wird depressiv.

In meiner Familie stirbt man gemeinhin an Krebs, ich kann mich somit schon einmal einstimmen auf das was kommt. Der Krebs war schon oft da und niemand hat überlebt. Brustkrebs. Lungenkrebs. Speiseröhrenkrebs. Leberkrebs. Und natürlich der Darm. El cáncer. Ein Dauerbrenner. Meine Großmutter hat gelitten wie kein zweiter mir bekannter Mensch. Der Darm wurde quasi von sich selbst aufgefressen ohne dass irgendwer irgendwas dagegen tun konnte. Als zuletzt der künstliche Darmausgang verkrebst war, kam die halbverdaute Nahrung zusammen mit alten stinkenden Kotstücken oben aus dem Mund raus. Wenn Sie acht Jahre alt sind, brennt sich so ein Bild für immer ein.

Andere hatten Glück und erlebten das Ende ihres Daseins im Delirium. Vollgepumpt mit Drogen, mit allem was der Medizinschrank hergibt. Schmerzbehandlung ist schon toll. Irgendwann wird sie wiederkommen, die Drogenzeit, nur dann legal. Pump up the jam. Pump it up. Dann dämmere ich dauersediert auf einer Liege herum und kacke mich ein, während alle darauf warten, dass es endlich vorbei ist, allen voran die Krankenkasse, die mich Kostenfaktor gerne aus den Bilanzen entfernt sehen würde.

Ich wünsche mir manchmal gnädiges Dahindämmern. Ein Hirn, dessen Fähigkeiten sich langsam auflösen. Hauptsache nicht mehr denken. Hauptsache nichts mehr mitschneiden. Ertragen müssen. Die Schläge nur noch dumm grinsend einstecken. Einscheißen, aus dem Maul sabbern, das Essen wieder rauskotzen und einfach weiter grinsen, am Mundwinkel der Sabberfaden, der aufs grindige Hemd tropft und den keiner mehr wegwischt, weil er immer wieder kommt. Dumm werden. Es klingt wie eine Erlösung. Hauptsache endlich nicht mehr denken.

Oder gehen wenn es beginnt. Bei passender Gelegenheit unter Aufsicht einen Becher austrinken, befreit von allen Pflichten, Ansprüchen und Lasten Tschüss sagen und einschlummern. Selbstbestimmt abtreten. Mit Stolz. Und nicht als leidendes Bündel Fleisch, das nur noch Qual oder Dämmerung kennt.

Ich trinke tränenschwarzen Wein. In 50, maximal in 60 Jahren werde ich tot sein. Sie vermutlich auch. Oder schon früher. 30. 20. Vielleicht in 10 Jahren. In 5. Und in 100 Jahren erinnert sich kein Schwein mehr an uns alle, es wird nicht mal mehr sorgfältig recherchierte vergilbte Fotografien geben, die Ahnenforscher erfurchtsvoll aus Archiven klauben, sondern nur noch Exabytes an Datenmüll, von jedem beschissenen Ostseeurlaub 400 blöde Knipsebilder, die sich keiner mehr anschaut, sondern routiniert entsorgt wie die stinkenden Altkleider, Einmachgläser und den Papierbüchermüll nach dem Ableben eines Erblassers. Früher blieben wenigstens vergilbte Fotografien. Heute bleibt gar nichts mehr. Selbst Google löscht Ihr Profil nach ein paar Jahren Inaktivität. Und mit dem Profil alle Ihre in die Cloud hochgeladenen Schnappschüsse. Sie vor dem Taj Mahal. Im London Eye. Mit einem Affen in Gibraltar. Oder auch nur dieses tolle Essen in diesem tollen Schnöselschuppen in der Weinmeisterstraße, den es auch schon zwei Jahre nicht mehr gibt. Zugemacht. Abgedampft. Gone with the wind. Sinnlos jedes Hinterherweinen. Auch dieses Blog hier. Irgendwann auch weg. Hinfort. Rauschen im Orbit und weg. Was? Ein Blog als Vermächtnis? Haha. Hahaha. Elender Romantiker.

Klemmen Sie sich also endlich Ihre Eitelkeit. Klemmen Sie sich diese ganze Selbstdarstellung. Das Gepose. Und klemmen Sie sich sowieso Ihre verdammte Empfindlichkeit. In 100 Jahren kräht kein Hahn mehr nach mir. Und nach Ihnen auch nicht. Ich bin Niemand und Sie nicht weniger. Lassen Sie uns gnädig dahindämmern. Bis das Licht ausgeht und witzelnde bärtige Angestellte zwischen einem Mettbrötchen und einem Schinkencroissant die Reste von uns in eine Holzkiste packen.

Was bleibt ist Humus.


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Liebste Wilhelmine


Dienstag, 29. November 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 29. November 2016



Der Beruf des Müllmanns gehört zu den beliebtesten Berufen der Stadt. Mit Recht. Seit ein paar Monaten treffe ich regelmäßig morgens vor der Kita auf unsere Müllkutscher. Und jedes Mal fahren das Kind und ich eine Runde vorne auf dem Bock um dem Block. Ohne Anschnallen und so'n Rotz. Das ist übelst illegal, aber scheißegal. Es gibt eben wie immer im Leben die Langweiler, die die Vorschriften wie einen Plug im Arsch stecken haben. Und es gibt die Coolen, die auch mal Elfe gerade sein lassen, um ein Kind glücklich zu machen. Und das Risiko tragen, Ärger zu kriegen. Danke, BSR. Tolle Jungs habt ihr da.

Noch was? Ja, Filmtipp. Ich bin in Kinolaune und habe Paterson gesehen. Jim Jarmusch. Das Alterswerk. Ein großer Film, wenngleich seine Akteure nicht mehr solch gebrochene Gestalten sind wie früher in Coffee and Cigarettes oder im Arte-Spätprogramm-Dauerbrenner Night on earth. Paterson geht klar, wenn Sie Jim Jarmusch mögen. Hat Freude gemacht. Nur schauen Sie das Ding nicht wie ich Vollhomo im verschissenen Cinemaxx am Potsdamer Platz. Ein ganzer Saal voller Feuilletonspacken, die während des Films die Szenen diskutieren, ein Arschkopf neben mir, der alle zehn Minuten sein Smartphone leuchten lässt, um nach der Uhr, einer Messengernachricht oder nach dem Wetter zu schauen und ein alter Wichser, der sich auf dem Sitz vor mir nach vorne beugt, wodurch er mir und zwei anderen die Sicht zerfickt und der auch nach Ansprache von gleich zwei Leuten nicht bereit ist, sich wieder zurück zu lehnen, wonach ich mir lieber einen neuen Platz suche, bevor ich ihm einfach aufs Maul haue und die Polizei kommen muss. Cinemaxx. Potsdamer Platz. Ein Publikum aus der Kinohölle. Wenn Sie jemanden bestrafen wollen, schenken Sie ihm einen Gutschein für den Laden. Sollte Trump Berlin bombardieren, dann bitte den Potsdamer Platz zuerst.

Frage: Would you rather be a fish?

Or a Friseur?


Kamm Back. Leserpost. Ein weiterer Tiefpunkt. Kaum noch zu unterbieten. (danke M.)

Mehr davon:



(danke Mario)

Okay, den Kaiserschnitt hatten wir glaube ich schon, aber das macht nix. Der is' so kacke, der geht auch zwei Mal. Oder drei Mal, hier, als kecke Nürnberger Variation mit freshem E:


(danke Alex)

Mein Tipp an dieser Stelle: Lernen Sie was Anständiges. Werden Sie nicht Friseur, sonst enden Sie womöglich so wie diese traurigen Gestalten, die ihren Friseurbutzen solche Namen geben müssen, weil sie das für originell halten, dabei enden sie nur als Blogwurst, über die sich jeder den Puller weglacht.

Geht noch was? Sicher. Ich fresse weiterhin dem Eberling hinterher, denn der weiß offenbar was gut ist. Hier, Digger, kiek ma:


Jetzt freut er sich bestimmt, denn seit Jahren macht er Propaganda und trommelt für ein italienisches Lokal mit dem kuriosen Namen "+39".


Und er hat mal wieder Recht. Großartiges Personal, gemütlich-hostariaeske Einrichtung, hochanständiges Essen, ein Tick besser als erwartet werden konnte. Ich hatte die Freude, eine fabelhafte Transfrau dorthin auszuführen. Das gibt abseits der bekannten Minderheitenbars um den Nolli herum gerne mal dumme Gesichter, blöde Blicke und furchtbar krampfige Bestellaufnahmen. Hier nicht. Kreuzberg, Baby. Pluspunkt.

Abgeraten werden muss von der Pasta mit Trüffel aus dem Paramesanrad, die sie hier ab 17 Uhr anbieten. Die Nudeln waren zu durch, dadurch geriet das Ganze enttäuschend matschig, dabei geschmacklich recht fad und als Portion zu klein. Außerdem mit zu wenig Trüffel. Die 16,80 bei weitem nicht wert. Wenn Sie das Zeug essen wollen, denn es kann sehr gut sein, fahren Sie hierfür nach Tempelhof. Günstiger. Besser. Großzügiger. Und das Zeug wird neben Ihrem Tisch flambiert.

Es folgen die Reste von einem zum Ausrasten guten Carpaccio mit Trüffeln, einer pervers riesigen Pizza, die ich tatsächlich nicht aufbekommen habe, und einem Espresso, den Zucker nur verschandeln würde:




2 Personen. Vorspeisen. Hauptspeisen. Viel Rotwein. Grappa. Espresso. 85 Euro. Und nochmal Grappa aufs Haus. Ambitioniert, aber angemessen, denn Italienisch geht kaum besser. Ein gutes Lokal mit einem kleinen Abstrich (die Trüffelpasta, Sie wissen schon).

Da hier Leute mitlesen, die alles wissen: Ick versteh wat nich. Sie haben dort gemahlenen Kaffee auf dem Klo rumstehen. In einer Untertasse. Über den Pissbecken:


Warum? Absorbiert der Kaffee den Pissegeruch? Das funzt? Wenn ja, werde ich das stinkende Pissloch meines Borgwürfelflurs damit zuballern. Geht das wirklich? Oder ist das letztlich nur so eine Art italienischer Talisman? Versteh ick nich.

Die Links. Read this:


M7Und Don Fidel starb doch im Bett!
Diesen Nachruf nur liebevoll zu nennen, würde ihm nicht gerecht. Ein pralles, ein konsequentes Leben. Und hier noch ein Toast.

DifferentiaÜber Populismus, Immunsysteme und das Weinen der Demokratie
Puh, wie differenziert. Entsetzlich. Kaum zu hören vor lauter Gebrüll.

MeyViewKurt Biedenkopf unisono
Biedenkopf lebt noch?

YouTubeNazicodes in Sabine
Alarrrrma! (via der zweite knall)

Stadtmensch ChroniclesKenne ich gut
Im Ernst, werden Sie schwul. Oder lesbisch. Oder gleich ganz asexuell. Das macht die Dinge einfacher.

Studio GlummNur ein paar dumme Stunden
Auf Affen. Ein Krimi.

Doublefeature:

GlummIch weiß, was Frauen hören wollen und 4 andere kurze Sachen
Milbenmekka. Klasse.

kafka on the roadEin Mann namens Uwe
In der Nachbarschaft.

Read on my dear, read onZähes Ringen
Der Winter kommt.

Das Manifest des ErbrechensWeidmanns Guy
Gekreuzigt

Herr MiMBürokuchen
Böse, Herr MiM, sehr böse. Ich bekomme gute Laune.

Something I learned todayJung samma, fesch samma
Johnny Cash meets ... the fuck? ... Peter Alexander.

A guy called ClassicLieblingslied: Anarchy in the UK
Wegen eines Sex Pistols-Shirts aus dem Restaurant fliegen. Sehr schön. Ich flog mal aus dem Deutschunterricht wegen eines Exploited-Aufnähers auf dem Rücken der Kutte. Rebellion, Baby. Gnarf Gnarf.

Ganz zuletzt ein Umfragetool, das zur politischen Standortbestimmung konzipiert wurde: The Political Compass. (via stapelchipsblog)

Ja, gut, ich fand' die Fragen schon arg erwartbar, suggestiv und teilweise recht stumpf. Wie man da auf der rechten Seite des Spektrums landen kann, ist mir ein Rätsel. Womöglich ist das sogar Absicht.

Ich bin mir nicht sicher, ob das in dieser Form was taugt, denn in der Übersicht mit den politischen Parteien finde ich mich in der Nähe der Grünen wieder, die für mich nicht ins Feld der Libertarians gehören, sondern nach oben. Zu den Autoritären. Bei dieser unterstellten Nähe schüttelt es mich.

Sie interessiert doch bestimmt mein Ergebnis. Hier. Nicht übel, wenn auch durchaus erwartbar:




Freitag, 25. November 2016

Anarchosyndikalistischer Rotwein



In den Straßen Prenzlauer Bergs riecht es bereits nach Winter. Die ersten Mütter backen ihr Zimtbackwerk. Die ersten Kinderbasteleien hängen in den Fenstern, die unvermeidlichen Tannenzweigkränze baumeln an den Türen und die Kirchen schreiben Anmeldungen für das jährliche Adventssingen aus. Und ich bekomme wieder nur Lust, auf die Hollandfahrradsattel meiner klerikalen Nachbarn zu kotzen. Was angesichts des finsteren Weihnachtsgeplärres, das seine arthritischen Finger schon jetzt fest um meinen bräsigen Idiotenbezirk krallt, immer hilft, ist Alkohol. Der betäubt so schön und macht so benommen fröhlich, auch wenn die Fenster der Nachbarschaft so bunt blinken als wäre ein Wettbewerb um das übelste Leuchtmittelinferno ausgebrochen. Wat dat wieder an Ökostrom kost...

Zum Alkohol. Der feine Herr Balcerowiak hat einen Rotwein empfohlen. Ich trinke grundsätzlich alles, was Herr Balcerowiak empfiehlt, denn Herr Balcerowiak weiß was gut ist. Er hat nachweislich Ahnung. Und er teilt sein Wissen, damit auch ich gute Dinge trinken kann. Das ist prinzipiell großartig.

Wir sind ein Röstkollektiv aus Berlin. Mit dem, was wir tun, erproben wir den Brückenschlag zwischen sozialem Anspruch und Qualität. Wir haben keinen Chef, treffen wichtige Entscheidungen gemeinsam, zahlen gleichen Lohn und tragen auch die Verantwortung gemeinsam.

So weit, so Pathos. Flying Roasters nennen sie sich. Sie rösten in Berlin-Wedding im dritten Hinterhof eines heruntergekommenen Altbaus ihre Kaffeebohnen. Nebenan ist ein Puff, der Freudenhaus Hase heißt und in dessen Hof ich zuerst versehentlich lief, wo ich auf einen verschämt auf einen Klingelknopf drückenden Typ mit kreisrundem Haarausfall traf, der mich vermutlich für den Privatdetektiv seiner zuhause vor der Glotze verwesenden Ehefrau hielt, die er mit Pflaumenlikör ruhig gestellt hat. Meine Güte, dieser Wedding.

Herr Balcerowiak empiehlt also ein Kollektiv, das Kaffee röstet und Rotwein vertickert. Es ist so überraschend wie beruhigend, doch noch auf Menschen zu treffen, die Ideale pflegen, dabei ist gar nicht die Zeit für Ideale, Ideale hat der common sense gefressen, nieder- und lächerlich gemacht. Niedergetrumpt. Menschen mit Idealen spielen heute in der selben Liga wie yogische Flieger, UFO-Sichter und Wasseradersucher. Unten bei den Freizeitmannschaften. Kleinfeld. Und in der Pause ein Bananenweizen. Keiner nimmt sie mehr ernst. Oder wahr. Es ist gar nicht die Zeit für Alternativen, es sei denn sie kommen von rechts.

Es beruhigt mich tatsächlich, dass es immer noch Menschen gibt, die die Dinge anders machen wollen, die Dinge bringen, die ich gemeinsam mit vielen anderen nicht bringe, die den Weg gehen, den wir aus irgendwelchen Gründen, die meistens mit dem Kontostand zu tun haben, nicht gehen. Gründe. Jeder hat welche. Welchen Grund haben Sie, die Dinge nicht anders zu machen als die Mehrheitsgesellschaft, die verlernt hat, in Alternativen zu denken? Kaum einer weiß mehr wie so eine Gesellschaft anders organisiert werden könnte und Alternativlosigkeit liegt wie Blei über dem Land und stumpft Gehirne ab. Die Mehrheitsgesellschaft implementiert ihr Konkurrenzdenken bis tief hinein in die Schulen, Universitäten und alle Seelen, es herrscht ein Gesellschaftsentwurf, der das Schlechteste in den Menschen hervorholt und belohnt. Gratulation. Sieht so das Paradies aus? Würden Sie arbeiten gehen, wenn man Ihnen kein Geld dafür geben würde? Ich nicht. Auf keinen Fall. Nicht eine Minute. Ich wäre schneller weg als mein Vorstandsvorsitzender "Powerpointpräsentation" sagen kann.

Der Rotwein, den sie hier verkaufen, ist an Korrektheit nicht mehr zu überbieten. Lesen Sie mal. Die Typen, die den herstellen, sind quasi Heilige. Schauen wir mal kurz in den Spiegel? Ja? Die bringen es. Wir nicht. Ich nicht. Sie auch nicht. Wir leben in den meisten unserer Fälle ein Berufsleben in ununterbrochener Unehrlichkeit, getragen von aufgeblasenem Mist, den in grotesk vielen Fällen keine Sau braucht. Würden wir alle tot umfallen, würde unser Produkt abgesehen von Investmentwichsern und dummen Shareholderbratzen kaum jemand vermissen. Unsere Krawatten würde keiner vermissen. Unsere Meetings nicht. Unsere Exposees nicht. Und unsere kryptischen Reden voll Buzzwörterluftblasen auch nicht. Wenig was wir tun, kann nach gängigen Maßstäben gut genannt werden. Wir bringen die Welt in den wenigsten Fällen weiter. Wir produzieren in hohem Maße Bullshit. Heiße Luft. Geschwätz. Nichtssagenden Scheißdreck. Was wir tun ist maximal egal. Und ja, da hilft nur Saufen.

So. Schmeckt er denn, der Wein? Ich mache es mir einfach. Ich zitiere Herrn Balcerowiak:

Die Tannine sind dennoch bereits recht mild, die Säure ist spürbar und sorgt für einen frischen Eindruck, bleibt aber im Hintergrund und umspielt die feine Beerenfrucht, die im Mund von ein wenig Dörrobst und Backpflaume ergänzt wird.

Bahnhof. Ich habe dieses Weinvokabular noch nie verstanden und frage mich manchmal, unter der Beigabe welcher psychisch aktivierenden Substanzen die Weinschranzen alle immer auf diese Geschmacksrichtungen kommen, die mir in tausend Albträumen nicht einfallen würden. Beim Whisky auch. Nasses Leder. Frühlingsheu. Eiche und Fruchtpudding. Krawehl. Krawehl. Ich schmecke keine Backpflaume und Dörrobst schon gleich gar nicht, sondern Rotwein, verdammt guten Rotwein, es ist ohne Konkurrenz der beste dieses Jahr und das liegt nicht nur an der rot-schwarzen Attitüde, die ich natürlich mag. Ich habe einen ganz verspielten, nicht zu donnernd schweren Genossen im Glas, der mir große Freude gemacht hat. Ich wollte nur mal ein Glas probieren und habe die Flasche ausgesoffen. Ein außergewöhnlich guter Wein. Ich hätte mehr davon kaufen sollen. Ich hätte den ganzen Vorrat davon wegkaufen sollen. Alles. Ab in den Keller damit. Kaufen. Bunkern. Haben. Viel. Viel. Mehr. Haben.

Wenn Sie Glück haben, gibt es bei den Flying Roasters noch eine Flasche von dem Goldstück. Letztes Mal war nicht mehr viel da. Wenn Sie Pech haben ... dann haben Sie Pech, dann sollten Sie unbedingt den Kaffee der notorisch sympathischen Gutmenschen mitnehmen, der kann auch was. Na los. Kaufen Sie doch einfach mal bei den Anarchisten. Kaufen Sie wie ich gekauft habe (wenn die wüssten von wessen Geld ich sie bezahlt habe, hätten sie mich vermutlich auf ein Holzkatapult gesetzt und rüber nach Prenzlauer Berg zurück geschossen).

Ihren Besuch sollten Sie genau timen. Die haben Öffnungszeiten wie im Osten:

Samstag Geschlossen
Sonntag Geschlossen
Montag 12:00–17:00
Dienstag Geschlossen
Mittwoch 08:30–13:00
Donnerstag Geschlossen
Freitag 12:00–15:00

Verdammte Anarchos. Auch noch zu faul, jeden Arbeitstag zu arbeiten. Was glauben die, warum der Arbeitstag heißt wie er heißt. Mann mann mann, was könnten die mit dem Ding für Profite einfahren. Mehr. Mehr. Immer mehr. Rendite. Verkaufen. Schichtenschieben. Produzieren. Raushauen. Gewinn ausschütten. Shareholder Fucking Value! Mann mann mann. Machen die einfach nicht. Anarchisten. Verdammte Axt.


Flying Roasters
Hochstraße 43 (dritter Hinterhof)
Wedding
https://www.flyingroasters.de
Edith sagt: Um die 8 Euro die Flasche. Keine Kartenzahlung. Klar, oder?

Bilden Sie sich doch mal weiter

Und hier die Fassung für Leute unter 30, die keine zwei Absätze mit je zehn Zeilen voller Buchstaben mehr verarbeiten können.



Dienstag, 22. November 2016

Rixdorf



Hassen Sie Weihnachtsmärkte auch? Diese hirnlose Ansammlung überfüllter Blinkbuden, in denen sie miesen gepanschten Wein mit Zucker versetzen, worauf dumme alte Schnepfen und dicke blöde Blinkemützenträger jede Würde verlieren? Dort wo sie teuren Tand aus den Erzgebirgewerkstätten des Landes noch teurer als sonst schon verkaufen? Dort wo sie prekäre Bratwurst aus püriertem Elchabfall als Delikatesse für 4 Euro das Stück anbieten und den Rotz tatsächlich los werden, weil Hirnspenderkandidaten aus Paderborn (oder Berlin-Mitte, was sich inzwischen nur wenig unterscheidet) denken, sie äßen was besonderes? Rummel. Idiotenabfüllanlage. Fuselfässer. Halbe Meter Bratwurst. Grünkohlgulaschkanone. Und immer wieder Holzkrippenspiele oder Kerzendrehfigurenscheiße, die sich nur Hirntote, die nie wieder Sex haben wollen, in ihr Wohnzimmer stellen. Sagen Sie, darf es noch ein Mistelzweigfigürchen aus Schwarzenberg sein? Dörrpflaumenmännchen aus Nürnberg? Dresden? Chisibubikaio? Oder ein Klumpen zusammengeklebter gebrannter Mandeln, die Ihnen die Ecken von den Zähnen brechen? Selbergeschnitzte Bonbons aus Eukalyptuswaldmeister? Ein Nußknacker, den Sie nie benutzen werden, für den Sie aber aber jeder auslachen wird, der erfährt, dass Sie Zeug gekauft haben, das schon Ihre Oma in der Vitrine stehen hatte? Nutellacrêpe. Prager Schinken. Krakauer Fettdarm. Oder irgendwas von diesen erbärmlichen Ständen voller Mecklenburger Honigtöpfchen, Brandenburger Schlehenschnäpsen und Marillenmarmeladen aus Sachsen-Anhalt. Kaufen Sie. Kaufen Sie. Und fressen Sie. Los. Fressen Sie schon. Hier ist unser Mist. Und jetzt her mit dem Geld.

Ich bin sehr froh, dass es jetzt diese Terrorhysterie vor Menschenansammlungen zum Vorschieben gibt, weil ich dann einen Grund habe, nicht auf einen Weihnachtsmarkt gehen zu müssen. Seit Jahren schleift mich ständig jemand mit auf diese Ausgeburt an Karnevalssubstitut, dessen Anblick mir körperliche Schmerzen bereitet, so dass ich zweistellige Beträge für die doppelte Portion Billigrum im Billigfuselglühwein bezahle, der schmeckt wie Scheibenreiniger in schmierigem Traubensaft, nur um mich gnädig zu betäuben. Die Weihnachtsmarktenthusiasten kennen keine Gnade. Irgendwer findet sich immer, der mich aus falsch verstandener Geselligkeit dorthin zwingt. Ein wohlmeinender Freund, die bucklige Verwandtschaft oder - als Gipfel der Unwürdigkeit - ein Entscheidungsträger aus dem Borgwürfel, der eine Lage fürchterlichen Eierpunsch ausgibt und das dann für die Ausgeburt an Führungswärme hält, von der wir alle wieder ein Jahr zehren sollen. Bis zum nächsten drecks Weihnachtsmarkt. Und dem nächsten Eierpunsch. Feuerzangenbowle. Frostschutzmittelgrog. Nächstes Jahr. Doch nicht mehr mit mir. Ich bin da jetzt raus. Ich gehe nicht mehr hin. Tut mir leid, islamistischer Terrorismus, verstehen Sie, irgendwann sind wir dran und da muss ja nicht ausgerechnet ich in der Menschenmasse vor einem gendarmenmärkischen Holzchristind stehen, das ein fehlgeleiteter Dschihadist genau dann, wenn ich da stehe, in die Luft bläst. Ich steig' da voll drauf ein. Terrorhysterie ist mein Gemüse. Damit komme ich durch. Hurra. Terror zieht, Unlust nicht. Kommen Sie. Stevenson. Weihnachtsmarkt. Teambuilding. Eierpunsch. Wir haben auch eine Blinkeweihnachtsmütze für Sie. Kommen Sie mit. Seien Sie teamfähig. Oh nein. Leider nein. Schauen Sie. Gefährdungsstufe. Ich bin untröstlich.

Dem Innenminister sei Dank für diesen Ausweg. Endlich keine Weihnachtsmärkte mehr.

Es gibt jedoch einen Weihnachtsmarkt in der Stadt, auf den ich immer schon gerne gegangen bin. Die rühmliche Ausnahme. Der Aufrichtige unter den Ghulen. Ehrlich. Es ist ein nicht- oder zumindest wenig kommerzieller Weihnachtsmarkt und er ist in Neukölln, in Rixdorf genau, und sie finden dort die Machwerke aller möglichen lokalen Initiativen, sozialer Träger, die ganze Gutmenschenparade guter Menschen, die gute Dinge tun, gute Dinge herstellen, die sie verkaufen, um noch mehr gute Dinge tun zu können. Und ich kaufe das alles, ich kaufe die Lose aus den Händen behinderter Kinder, den Kaffee der Kubagruppe, esse vom Spanferkel der deutsch-türkischen Freundschaft, spende in Spendenboxen waffelverkaufender Flüchtlingsaktivistinnen mit Sauerkrautfrisur und kaufe sogar diesen grässlichen Kreuzberger Rotwein (aber nur einmal, der ist so übel, der geht nicht mal für eine Rotweinsoße, selbst für Glühwein für Weihnachtsmarktbesucher aus dem Borgwürfel, die sonst jeden Dreck in sich reinschütten, ist der zu sauer). Rixdorf. Habe ich jahrelang gemacht. Es ist ein vergleichsweise angenehmer Weihnachtsmarkt.

Inzwischen ist das Ding leider dergestalt am Kippen, dass es fast auch am Kollwitzplatz, dem Hausfrauenparadies Prenzlauer Bergs, stehen könnte und keiner würde es merken. Bio hat Einzug gehalten. Es gibt immer mehr von dem, was es in fast jedem durchgentrifizierten Kiez gibt. Bio. Vegan. Dinkelcrap. Quinoascheiße. Chiasamenfuck. So ist es halt. Eine Weile ist eine Sache gut und dann nicht mehr. Zielgruppe und so. Neukölln holt auf. Wird jetzt wie alle. Da fall ich raus.

Es hat sich sowieso rumgesprochen. Kein Geheimtipp mehr. Jetzt ist es voll. Voller als jede S-Bahn. Letztes Jahr schon war kaum ein Durchkommen mehr, voll, voller, ausrasten, alle da, Bärtige, selig lächelnde Mütter, Jack Wolfskin-Jacken, ironische Schiebermützen, Prenzlauer Berg-Publikum. Das bedeutet natürlich, dass die Preise anziehen werden, die Profesionellen werden einreiten. Oxfam. Greenpeace. Und mittendrin wahrscheinlich noch Bündnis 90, die auch hier so tun werden, als gehörten sie zu den Alternativen.

Wenn Sie da Bock drauf haben, gehen Sie hin. Er ist immer noch einer der Guten. Noch. Auch wenn klar ist, wo es hin geht. 2. - 4. Dezember. Freitag ab 17, Samstag und Sonntag ab 14 Uhr. Richardplatz. Neukölln. Ich bin raus. Ist mir zu voll.


Hier ein paar Bülder vom letzten Jahr. Wie Sie sehen, es blinkt nicht, was ein großer Vorteil für Epileptiker sowie mich ist, denn ich hasse blinkenden Scheiß:








Montag, 21. November 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 21. November 2016



Neuer Tag, neues Dummkopfgespräch im Borgwürfel:

"Hui, Sie waren aber lange auf der Toilette."

(Übersetzung: Ich habe Sie im Auge. Das ist alles Arbeitszeit.)

"Ja, ich kacke mittags gerne länger."

(Fick dich.)

Noch einen zum Thema Kacke? Ich unterhielt mich kürzlich mit einem Typen in der Kneipe. Ein volltätowiertes Faschogesicht. Im Laufe des Gesprächs gab er eine seiner Erziehungsmethoden für seine beiden Kinder zum Besten: "Bei uns im Haus wird Deutsch gesprochen. Wenn einer der beiden was Englisches sagt, gibt's Liegestützen."

"Bitte was?"

"Liegestützen. 10 Liegestützen für ein 'Cool'. 20 für ein 'Shit'. Bei uns wird Deutsch gesprochen. Lass ich nicht durchgehen."

"Crap."

Ugga Ugga. Ein Liegestützen-Honk auf der Welle des Zeitgeists. Ich wette, dass ein Therapeut später genau solche Dinge hervorholen wird. Ach so? Sie legen sich filetierte Mäuse auf die Pizza Tonno und ziehen sich deren Haut über den Penis? Na was mag das nur für eine Ursache haben, gab es einschneidende Erlebnisse in Ihrer Kindheit? Mussten Sie gar Liegestütze machen? ...

Und sonst? Ich war essen. Hier:


Hot Spot. Eisenzahnstraße. Ecke Kudamm. Der Tipp kam kam vom Kiezschreiber, dem ich mal versprochen habe, dass ich seine ganzen Restauranttipps nachfresse. Was bis jetzt nicht gemacht habe. Aber ich bin dran, Alter, ich bin dran. Kein Bock auf Kochen gerade, also fress ick dir nach. Für dich fahre ich sogar zum Kudamm (Hölle friere zu) und fresse dort. Ja, angenehmer Laden, guter Tipp, schicke Deko, lauter leere Flaschen.


Und wie das Essen ist? Gut, na klar, es ist gut, natürlich ist es gut, der Tipp kam von einem, dem Saufen und Fressen Passion ist. Ein guter Laden. Die Vorspeisen sind teilweise zum Heulen scharf, aber ich mag das so. Die Fresse muss brennen. Die Schärfe tötet alles ab. Die ganzen Winterkeime. Weg damit. Burn motherfuckers.

Die Hauptspeisen sind gut, ohne Ende gut, aber bei weitem nicht so scharf wie überall im Internet angekündigt. Wer die in der Tat sehr scharfen Vorspeisen überlebt hat (Alter meine Fresse brennt), der runzelt selbst bei den mit drei bis vier Chilischoten bewehrten Hauptspeisen nur mit der Arschbacke. Da wär' noch was gegangen. Dennoch. Guter Laden. Sehr bemüht, sehr freundlich, sehr gute Küche, für einen Chinesen eine überraschend exquisite Weinkarte, die der GaultMillau auch schon prämiert hat. Nochmal machen? Ich denke nicht, denn als authentisch beworbene Chinesen ohne Glutamat haben wir inzwischen fast überall in der Stadt. Wenn Sie sich von U-Bahnhöfen und diesen auf Masse getrimmten grouponbewehrten Dumpingbuffetfritzen fernhalten, können Sie inzwischen an sehr vielen Orten der Stadt sehr hochqualitativ chinesisch essen. Nur für Chinesisch also zum Kudamm? Ich fürchte nicht. Nein, ich bin mir sicher. Nicht nochmal.

Preislich? Ambitioniert, aber nicht übertrieben überteuert. Zwei Personen, Vorspeisen, Hauptspeisen, Wein. 105 Euro. Geht.

Hier. Essensbilder für Essensbilderfreaks:




Noch was? Unbedingt: Manchmal ist es nicht gut, Kommentare im Internet nicht nur zu lesen, sondern die Ratschläge dort drin auch noch zu befolgen. Ich soll Tom Liehr lesen stand da. "Gefickt - Aus dem Leben eines Arschlochs". Hab' ich gemacht.

Ehrlich, UK, deine Friseurbilder sind der Knaller, du bist sicherlich ein netter Typ, ein super Papa, Göppingen ist bestimmt eine schöne Stadt (nein, ich werde niemals dort hin fahren). Nur dein Literaturgeschmack ist scheiße, was mich bei jemandem, der ausgerechnet hier kommentiert, nicht wundert und mir eine Warnung hätte sein müssen. Was für ein schlechtes Buch. Eine Mischung aus Mittelstufeaufsatz und dem Penner, der auf der Kreuzung vor meiner Haustüre immer seinen Pimmel rausholt und die Biomütter begeifert. Fotzeeeeen. Ole Oleeeeeee. Wichsaaaaaaa. Leseprobe? Hier:

In diesem Moment kam die Braut aus dem Vereinsheim - mehr getorkelt, denn vernünftig gehend. Ihre Kleidung war ziemlich durcheinander, ihre Haare sehr verwuschelt. Der Lippenstift reichte über beide Wangen und bis zum Kinn herab. Sie blickte suchend und sehr verwirrt hin und her, suchte aber nicht Phil, sondern wahrscheinlich so eine Art Rettungsring - ihre Handtasche, eine gute Freundin oder etwas in der Art. Phil lächelte triumphierend. "Der hab ich's aber gezeigt", deklamierte er. "Wenn ich ihr nicht den Mund mit beiden Händen zugehalten hätte, hätte sie das gesamte Gelände zusammengeschrien. Ich glaube nicht, dass die Tante vorher schon mal richtigen Sex gehabt hatte."

Hüstel. Noch eine? Ja? Bitte:

"Wer so bescheuert ist zu heiraten, soll sich nicht wundern, wenn er - die Traditionen voll auslebend - am Abend vor der eigentlichen Nummer sein blaues Wunder erlebt. Es ist schon ein komisches Ding, was so eine Droge wie Äthanol in Menschenhirnen anrichten kann. Dagmar und Horst prügelten sich auf der Tanzfläche. Phil und ich standen grinsend hinter der Disco, hatten uns gegenseitig die Arme auf die Schultern gelegt und prosteten uns mit den mageren Resten aus der zweiten Jack Daniel's-Flasche zu. Mann, waren wir hackedicht. "Du bist doch ein heimlicher ... Schwuler!" brüllte Dagmar. Das Wort bereitete ihr - trotz ihrer lockeren drei Promille Blutalkohol - erhebliches Unbehagen. Ihre Stimme kreischte und überschlug sich mehrfach. "Du blöde Sau", antwortete Horst nur, während er ziemlich ungeschickt nach seiner Zukünftigen schlug."

Puh. Yo. So ist das Buch. Sehr angestrengt obszön ohne gleichzeitig klug zu sein. Nicht die Spur an Geist zwischen seinen Zeilen. Irvine Welsh für ganz doll Degenerierte. Nicht ein Stück cool. Ein Pseudo-Berlin-Clubroman wie ihn nur jemand aus der Provinz schreiben könnte, wenn denn Tom Liehr wenigstens aus der Provinz käme, so dass man ihm dieses üble Ding verzeihen könnte. Aber nicht mal das. Er ist Berliner und das macht das Buch extra schmerzhaft. Ein furchtbares Werk. Grottig. Ganz unten. Sehr schlimm. Das Lesen eine Qual. Bitte, UK, empfiehl mir kein Buch mehr. Schick mir lieber Friseurbilder. Das macht dann die verlorenen Karmapunkte wieder gut. Küßchen.

Habe ich Friseur gehört? Hier, einer der übelsten bisher, ganz finsteres Ding:


(danke, Georg)

Und weil einer nie reicht:


(danke, Dieter)

Und hier der übelste, bisher wirklich übelste und unterirdischste Friseurname, der mir untergekommen ist (und mir sind viele untergekommen):


Kamm in. Und haarlack mich am Arsch. Ich häng' mir jetzt eine Trockenhaube um den Hals und versenk' mich in der Spree. (danke Chris)

Zuletzt noch ein Filmtipp, wie immer im Nischenkino: Manche hatten Krokodile. Schönes Ding. Hat mir gefallen. Wenn Sie die Möglichkeit haben, dann sehen Sie sich den an, nur machen Sie es bitte nicht wie ich und gehen in das Babylon in Mitte, wenn dort gerade die Premiere des neuen Berliner Tatorts stattfindet, was die versammelten Dilettanten so sehr überfordert, dass Sie satte zwanzig Minuten brauchen, im Promigewühl zwischen rotem Teppich und studentischen Aushilfsgarderobenfräuleins eine Karte für solch einen Nischenfilm zu kaufen, für den Sie auch noch um die Ecke durch den Nebeneingang ins Studio laufen müssen, weil man offenbar Angst hat, Sie könnten auf dem Weg durch das Tatort-Schaulaufen öder tennisclubfressiger Schauspielschulabsolventen aus der Upperclass Meret Becker abknutschen wollen (eher beiß' ich mir die Zunge ab). Gehen Sie sowieso nicht mehr ins inzwischen endgültig unbetretbare Berlin-Mitte, wenn Sie nicht mit einem Haufen bornierter Mitteschnösel mit dummen bunten Stolas und koketten Schiebermützen in einem Kino sitzen wollen, die superironisch über die letzten sterbenden St.Pauli-Fossile ablachen, die im Film biersaufend von ihrem Absturz, dem Wesen des Sparclubs und dem Leben am Existenzminimum erzählen. Gnihihi. Gnahaha. Kuck mal die trinken Astra. Berlin-Mitte. Sack. Knüppel. Klar, oder?

Jetzt endlich die Links. Read this:


YouTubePresident Trump - How & Why
Was für ein frischer Wind plötzlich weht. Und der Muff ist so still geworden. (via fefe)

Frau Meike sagtAlles nicht so schlimm
Zäsur ist noch milde ausgedrückt. Noch jemand ohne Hitlervergleich?

Lumières dans la nuitFakt
Postfaktisch sucks. Nervt ab. Spätestens seit Spiegel Online und Zeit.de das Ding in jedem zweiten Artikel bringen, ist der Begriff verbrannt. Hyper Hyper.

SprengsatzSignal der Berechenbarkeit und Stabilität
Die Alte tritt also wieder an und die Jubelpresse jubelt. Und die Jubelblogger jubeln mit. Surprise Surprise. Der Vorteil, Nichtwähler zu sein, besteht darin, dass diese Information völlig unerheblich ist. Auch wenn sie diese Frau erst irgendwann in 30 Jahren als mumifizierten Corpus aus dem Kanzlerinnenamt tragen müssen, es spielt für mich inzwischen schlicht keine Rolle, ob sie oder überhaupt wer da sitzt, es ist mir ernsthaft vollkommen egal geworden. Früher hat mich dieses bleierne Ämtergeklebe bräsiger Charaktermasken mal aufgeregt. Vorbei. Was soll ich mich aufregen. Einfach ehrlich egal geworden. Schrankenlos befreiende Unerheblichkeit. Ein wirklich gutes Gefühl. An der Grenze zur zuckersüßen Zufriedenheit. Sitzt die da halt. Für immer, wenn sie mag. Was soll's...

Prenzlberger StimmeWider den Sexismus oder: Onanie macht nicht satt
Wie spült man eigentlich wirksam die eigene Reputation ins Klo?

Zoë Beck"Lasst uns unsere Geheimnisse!"
Ja. Lasst mir meine Geheimnisse. Ausrufezeichen.

man tauVital und frei und perspektivlos – Fatih Akins "Tschick"
Ein Film über Ausgestoßene.

Männer unter sichSieben Fragen
Fünfmal ja. Zweimal nein. Und bei Ihnen?

Dazu:

wortwurmDünne 15jährige in Jeansjacken

grafikpolizeiRadtour mit Hitler
Haha.

1ppmBestellung per Touchscreen
Geil.

SchnutenhundDas zweite Jahr
Glückwunsch, mein Lieber.

Devil InsideGelinkt
Kuck mal wer da linkt. Sehr gut.

DenkfabrikblogKurzfilm: Barry
Es braucht mehr Barrys. Fresh shipping, baby.

DenkfabrikblogKurzfilm: Very lonely cock
Nehmen Sie zu diesem Kurzfilm bitte Drogen. Je härter desto besser. Wenn Sie grundsätzlich keine Drogen nehmen, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt, damit anzufangen.

da]v[axVideotallica
Richtig geil.

Mehr Mucke:

Kool Savas "Wahre Liebe" feat. Samy Deluxe & R.A. The Rugged Man (Official HD Video)

Grossstadtgeflüster - Ich boykottiere dich (Offizielles Video)

(beide via boerge)

Zuvorletzt:

Vilmoskörtes BlogKreuzberger Klingeltableau

Zuletzt Schnitzel, Schnitzel über alles. Lesen und lernen:

SchlaraffenweltDas perfekte Wiener Schnitzel: Die Tricks der Sterneköche
(Ich räume ein: Das kann ich nicht. Im Anbraten von Paniertem bin ich schlecht. Eine Pfeife. Ich kriege es bei Fleisch selten hin, bei Fisch nie. Schmoren. Schmoren ist meine Welt. Ich mache Ihnen im Ofen einen Rehrücken, zu dem Sie vor Freude onanieren möchten, schwöre.)

Freitag, 18. November 2016

Serdar Somuncu hat auch keine Idee



Serdar Somuncu tourt ein letztes Mal als Hassprediger durchs Land. Das Programm läuft aus. Er bringt es inzwischen seit acht Jahren. Nach so einer Zeit kann man auch mal aufhören, man muss die Dinge nicht immer bis zum Hochwürgen immer weiter erbrechen, nur weil es gut ankommt und die Leute einen nur noch sehen wollen, weil man immer schon da war, nicht weil man so gut ist. Wie ein hässlicher Läufer von Ikea, den nur aus Faulheit keiner zum Balkon runterwirft. Ich habe Verständnis, wenn auch mal einer Dinge beendet.

Noch lässt mich das eine Thema der letzten Tage nicht los. Nur zwei Nächte nach der Trump-Wahl ist Serdar Somuncu in Berlin im Tempodrom und ich freue mich auf die Vorlage, die er verwandeln wird. Denn er verwandelt immer alle Vorlagen. Der Mann ist ein Guter. Was wird er raushauen? Wie wird er die Lage kommentieren? Wozu wird er raten?

Ich kann das in aller Kürze festmachen: Da ist nichts.

Oder nicht viel.


Ich sehe Ratlosigkeit auf der Bühne. Höre ein paar halbgare Sätze über gelbe Haare. Orange Haut. Und dass er Angst hat. Serdar. Hat Angst. Mehr nicht. Brummt er vor sich hin. Angst. Punkt. Mehr nicht. Danach zieht er zwei Stunden sein bewährtes Programm durch und ich stelle fest, dass Serdar Somuncu auch keine Idee hat. Er ist wie wir alle quasi entwaffnet. Das ist schwach. Wofür zahle ich Eintritt? Der soll mir bitte sagen was ich denken soll. Wenn ich es schon selbst nicht besser weiß. Doch auch ihm fällt nichts Neues dazu ein. Wie allen anderen, die jetzt wild durch die Gegend analysieren, nachdem ihnen einer wie Trump auf den Eierkopf gefallen ist. Mehr reden. Mehr zuhören. Schreiben sie jetzt. Das ist maximal unglaubwürdig. Erst kübeln sie Hohn, Spott und Kübel voller Jauche auf alle aus, die nicht auf ihrer Linie sind, schreiben dann aber zerknirscht Texte übers Zerknirschtsein, weil das alles nach hinten los gegangen ist. Dabei sind die ehemaligen Meinungsmacher blamiert. Nackt. Und das sieht jetzt auch jeder. Sie sollten mal still sein, doch das liegt ihnen nicht. Still sein können sie nicht.

Andere holen gar schon wieder die alten Panzerfäuste raus, mit denen sie seit Jahrzehnten in eine zunehmend angekotzte Bevölkerung feuern: Alte weiße Männer sind schuld an Donald Trump. Sowieso Männer. Und die Dummen. Die Ungebildeten sind schuld. Ungebildete Männer. Scheiß Populismus. Populismus geht gar nicht. Populismus hat die Frau im Präsidentenamt verhindert. Das ist unverzeihlich. So schnell wird keine mehr in die Nähe der gläsernen Decke kommen. Sie machen es tatsächlich am Geschlecht fest. Trump-Wähler sind Frauenfeinde. Wenn eine Frau nicht gewählt wird, ist das frauenfeindlich. Lesen sie mal, was die Jusos sagen: "Wenn Frauen für Spitzenämter kandidieren, werden in der Politik oft die größten Geschütze aufgefahren. Die Nichtwahl entspringt auch dem Sexismus, der in der Politik vielerorts vorhanden ist." Okay, da ging es nicht um Hillary, sondern um die irgendeine ihrer ehemaligen Vorsitzenden, die irgendeinen anderen Posten im Staatsbetrieb nicht gekriegt hat. Aber egal, Frauen nicht zu wählen ist sexistisch. So einfach ist die Welt inzwischen. Und keiner außerhalb von Twitterblasen mag es mehr hören. Das einzig Gute an Trump ist, dass sie jetzt hoffentlich merken, dass sie mit dem Mist nicht durchkommen. Hoffentlich. Doch vermutlich merken sie wieder nichts.


In meinem Freundeskreis hat direkt nach der Trump-Wahl der zweite gute und langjährige Freund in meinem engen Umfeld beim Bier ganz nebenbei erwähnt, dass er bei der Berlin-Wahl kürzlich AfD gewählt hat (falls Sie der erste AfD-Wähler in meinem Umfeld interessiert: hier tauchte der zum ersten Mal auf). AfD. The fuck? Haut der so raus. Als wäre es der normale Vorgang, der er inzwischen vermutlich sogar ist. Die Argumentation kennen Sie: So geht es nicht weiter. Einheitsparteien. Keine abweichenden Konzepte mehr. Alles die gleiche Suppe. Lauter Langweiler. Politisch korrekt bis zur Unkenntlichkeit. Grau Grau Grau sind alle ihre Kleider. Alle sagen in weiten Teilen das Gleiche: Nämlich nichts mehr. Keine Lösung. Keine Ideen. Viel Ideologie. Wenig Meinungsvielfalt. Ein enger Korridor dessen, was genehm ist. Und so weiter. Kennen Sie vermutlich.

Das Schlimme an dem, was er sagt, sind die Schnittmengen mit mir. Ich sehe das, was er sagt, in großen Teilen (mit Ausnahmen, beispielsweise in der Flüchtlingsfrage) auch so. Nur ziehe ich nicht diese Konsequenz. Rechts ist nie eine Option, egal welcher Technokrat an seinem Bürgermeistersessel klebt. Es ist jedoch tatsächlich schwer zu ertragen. Ein Typ, der 10% der Berliner Einwohner hinter sich hat, ruft sich zum Bürgermeister aus, anstatt sich aufgrund des fehlenden Rückhalts voller Scham in ein Kloster zurück zu ziehen. Gerade eben kungelte die Elite diesen Steinmeier ins Bundespräsidentenamt. Und sie privatisieren die Autobahnen, so dass wir bald an ThyssenKrupp unsere Maut abdrücken dürfen. Oder an einen chinesischen Staatskonzern. Sie machen so weiter. Sie machen einfach so weiter. Kungeln. Verscheuern. Verarschen. Das finden Leute, die die AfD wählen, vermutlich ziemlich ekelhaft. Und ich leider auch. Selbst die Merkel tritt noch einmal an. Vermutlich wird es auch wieder eine große Koalition, nach deren vier weiteren bleiernen Jahren noch mehr Leute bis über den Haaransatz angekotzt sein werden. Lernen die nichts? Sehen die nicht wo das hinführt?

Mein erster Reflex, wenn ich einen von den AfD-Apologeten vor mir habe, ist Absetzen. AfD-Wähler finde ich unhygienisch. Wäre das hier hinter seinem Bier nicht mein alter Freund, würde ich den Kontakt aufs Minimum reduzieren oder sogar ganz einstellen. Ich fühle mich matt. Ich fühle mich vereinnahmt. Entkernt. Meiner Waffen beraubt. Im Grunde ist das was sie sagen meine Argumentation, wenn auch von einer anderen Seite her (ich bin Nichtwähler, überzeugt bis in die Haarspitzen, falls das noch nicht bekannt ist). Das bringt mich in die unbequeme Position, eine Haltung gegen die Opposition einnehmen zu müssen, was mich automatisch auf die Seite der Regierung rutschen lässt. Das macht mich kaputt. Da will ich gar nicht sein. Da gehöre ich gar nicht hin. Ich habe keine Lust auf solche Diskussionen, in deren Verlauf ich mich auf der Seite der Merkels, der von der Leyens und der Schwesigs wiederfinde. Wie ist es nur dazu gekommen?


Ich habe nun also zwei AfD-Wähler als Freunde. Verstehen Sie mich nicht falsch, das sind gute Freunde, sie waren es immer schon. Stützen, gute Zuhörer, intelligent, immer da, standfeste Trinker bis der Morgen graut, treu und loyal, fest angestellt, knapp solider Mittelstand, Siemens, Volksbank, Bayer, Senatsverwaltung, suchen Sie sich was aus, einer mit Eigentum, der andere will nächstes Jahr bauen. Draußen in Brandenburg. Beide erklären das was sie da wählen ganz ruhig. Selbst mir. In meinem Freundeskreis bin ich der Linksaußen. Das ist bekannt und wird selbstverständlich toleriert. Es ist nie ein Problem. Ich habe damit auch keines. Nie gehabt. Ich halte das aus, auch wenn die Situation keine einfache ist. Wenn Sie Differenzen nicht aushalten können, sind Sie kein guter Freund.

Nur Spaß macht das nicht. Ich merke selbst, dass ich argumentativ in die Defensive komme. Mir gegenüber sitzen keine Dummen. Diese Leute lesen Tichy. Danisch. Don Alphonso. Die auch keine Dummen sind, egal wie oft man sie noch Rassisten schimpft. Was gegen sie geschrieben wird, verpufft sowieso. Niemand von deren Zielgruppe wirft auch nur einen flüchtigen Blick auf den verlogenen Boulevardmist von Spiegel Online (den ich ja auch verlogen finde, das ist es ja). Das Zeug ist für diese Leute irrelevant geworden. Da am rechtskonservativen Rand sind ganz eigene Kanäle entstanden. Eigene Meinungskanäle. Ganze Portale. Mehrere Autoren. Rubriken. Und die werden gelesen, ganz unabhängig von den alten Mogulen und weit weg von dem, was sie Linkspresse nennen. Da können wir jetzt Purzelbäume machen und nach Luft schnappen: Sie haben Erfolg. Tichy und seine Einblicke können Sie inzwischen gebunden am Flughafen kaufen. Zumindest in Berlin und Frankfurt. Nicht unterm Ladentisch. Sondern ganz regulär als Stapel neben dem Spiegel. Konservative Reiselektüre für Bonusmeilensammler. Ohne Skrupel gegenüber der AfD. Was? Kennen Sie nicht? Tichy? Läuft gut, nur nicht bei Ihnen. Gruß an die Echokammer. Wieso kennen Sie so Zeug nicht? Wählt bei Ihnen keiner AfD? Bei mir schon. Ich habe jetzt zwei von der Sorte. Da können Sie mal sehen.


"Deine Leute sind an der Macht." sagen meine Freunde unabhängig voneinander, während ich nur den Kopf schütteln kann. Sprachvorschriften. Veranstaltungsblockaden. Angezündete Autos. Verwüstete Wahlkreisbüros. Drohungen. Anschwärzen beim Arbeitgeber. "Das machen deine Leute. Was sie da ausüben, ist Macht. Sie üben Macht gegenüber der Opposition aus. Siehst du das nicht?" Dann kommen sie mit den Schaltstellen. Zählen die Regierungsbeteiligungen auf. Die Linke sitzt im Senat, regiert in den Bezirken, in Brandenburg, stellt in Thüringen sogar den Regierungschef. Macht die Gesetze. Setzt die Schwerpunkte. Was bleibe denn da übrig, wenn man eine Opposition wählen will? Sag doch mal. Was denn? Und ich schwimme argumentativ, führe wieder nur moralische Argumente ins Feld, was mir zunehmend schwerer fällt. Viel lieber vermeide ich solche Diskussionen zunehmend. Denn es endet immer im gleichen Kindergartendialog. Zum Beispiel bei der Frage der Flüchtlingsströme: Wir können nicht alle aufnehmen. Doch, können wir. Nein, können wir nicht. Doch können wir, der Kontinent ist groß genug. Ist er nicht. Fruchtlos. Ich überzeuge niemanden mehr. Ich werde mich besser bald in die elementaren Fragen irgendeines populären Idiotensports einlesen, die Namen der Dummköpfe von Nationalspielern auswendig lernen oder die neuesten Entwicklungen in der Familie Lombardi auf Promiflash mitschneiden, dann kann ich schnell das Thema wechseln, wenn es unangenehm wird.

The system is rigged. Mit dem Spruch gewann Trump die Wahl. Das müsste eigentlich unser Spruch sein. Er war es sogar mal. Heute sitzen Leute, die auf meiner Seite verortet werden, in Gremien der Regierung und setzen die Agenda. Und haben in dem, was sie tun, natürlich eine Opposition am Arsch kleben. Inzwischen ganz offen. Offensiv. Und alles andere als marginalisiert. Die andere Seite ist schleichend stark geworden. Arbeit. Kneipe. Fast wirkt es, als sei mit Trump ein Seufzer der Erleichterung durch Teile meiner Umgebung gegangen. Wie ein Akt der Befreiung. Aus der jahrelangen Defensive treten sie nun hervor, trauen sich aus der Deckung. Kein Verbrämen mehr. Offene Karten. "Hey, kuckuck, übrigens, ich habe AfD gewählt." Dass sie mir das so offen sagen, ist neu. Lieber wäre es mir gewesen, sie hätten mir das nicht gesagt. Dann hätte ich noch eine Weile die Augen schließen können. Dann wäre noch eine Weile alles in Butter gewesen.


Seitenwechsel. Eine andere Diskussion am letzten Wochenende bei Bier und Erdnüssen betraf mein chronisches und sturbockiges Nichtwählen. Natürlich im Kontext der Trump-Wahl. Es war eine Diskussion mit zwei sehr Empörten, die welche sind, die mir grundsätzlich nahe stehen. Sie haben mich hart attackiert. Härter vermutlich als sie Rechts attackieren würden. Wählen sei jetzt mehr als nur Bürgerpflicht. Quasi Notwehr. Wer jetzt nicht wähle, sei schuld an einer Kanzlerin Petry. Ein Steigbügelhalter. In aller Form mitschuldig. Ich gab an, die Argumentation zu verstehen, doch sie würde mich nicht dazu bewegen, Gestalten wie Müller oder eines der anderen austauschbar neoliberalen Technokratengesichter in ihre Posten zu wählen, welche politische Farbe sie sich auch gegeben haben mögen. Ein Wort gab das andere. Hitler. Machtergreifung. Natürlich auch Hitler. Immer gleich Hitler. Es wurde streckenweise hitzig. Die Diskussion mündete in dem Satz: "Für deine Ignoranz gehört dir in die Fresse gehauen."

Und damit endete sie. Nach solchen Sätzen endet jede Diskussion. In aller Hilflosigkeit.

Hab' gelesen, es läuft nicht gut bei den Lombardis.



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Darf's ein wenig mehr sein?

Populisten und dumme Wähler? Ihr habt nichts, aber auch rein gar nichts, verstanden

Meine zwo Cent (via holy fruit salad!)

Die Verachtung der Bratwurst

Dienstag, 15. November 2016

Verlink doch mal die Verlinker



Das wollte ich schon lange mal machen. Einen Gruß in die Küche. Rüber zu ein paar linkfreudigen Bloggern im Meer derjenigen, die lieber im eigenen Bratensaft schmoren und eifersüchtig ihre Leser hüten, auf dass kein Klicker abspringt und ein paar Cent weniger Klickerkohle verursacht.

Ich habe irgendwann mal geschimpft, dass Blogger sich zu wenig vernetzen, zu wenig verlinken, ihre Blogrolls schleifen oder verschämt irgendwo auf hinterste Seiten packen, auf denen sie garantiert niemand findet. Der Text hatte den spontanen Effekt, dass einige, die hier mitlasen, enthusiastisch regelmäßige Verlinkposts gestartet, aber auch schnell wieder eingestellt haben. Sonst änderte sich nichts, außer dass die Migration zu Facebook noch mehr Fahrt aufnahm und die überkommerzialisierten Clickbaiter mit ihrer inzestuösen Viralsülze das dominieren, was früher mal Blogosphäre hieß. Und der klägliche Rest davon dümpelt im Allgemeinen vor sich hin und hütet jeden der paar Leser, die geblieben sind. Bloß keinen Link setzen. Bloß niemanden woanders hinschicken. Könnte ja einer dort hängenbleiben. Ich find's schwach.

Es gibt noch ein paar, die es anders machen, die nicht nur eine Blogroll haben, sondern konsequent immer mal wieder kommentierte Linklisten posten und ihre Leser von ihrer in eine andere Suppe schicken. Das finde ich gut, deshalb bitte sehr, ein kleiner Tribut, lesen Sie, los, gehen Sie schon, fliegen Sie, ab mit Ihnen:


Männer unter sich - Die Kunst, ein Kerl zu sein
Einmal in der Woche setzt er sich hin, der feine Herr Kurbjuhn, und macht seine Liste. Videoclips. Filmtipps. Links auf Texte. Literatur. Männerpolitisches. Groß.

Arthurs Tochter kocht
Endlich mal ein Foodblog, das über die Filterblase hinaus schaut. Viel zu selten sehe ich das. Sonst bleiben die immer im eigenen Stall. Nie mal sehen, was woanders so läuft. Was woanders reinschauen. Astrid macht das vorbildlich. Viel Eigenes. Viel Abwechslung. Und immer ein paar Links, die auch ich noch nicht kenne. Tolle Frau. Tolles Blog.

Christian Buggischs Blog
Der Herr Buggisch. Vorbildlich. Auch sehr viel eigener Content, ganz oft lesenswert, aber er vergisst nie die anderen. Regelmäßige kommentierte Links. Ganz weit vorne. So muss das.

die Schrottpresse
Ein Vorbild an Uneigennutz. Schickt gerne seine Leser zu anderen. Presseschredder nennt er das. Guter Mann.

Denkfabrikblog
El Flojo, der gewaltbereite Pazifist, ist der Meister der Kurzfilme. Manchmal hat er einen Hang zum Kitschigen, oft jedoch auch zum Splatter. Ich bevorzuge letzteres. Über die Kurzfilme hinaus gibt es regelmäßige Verweise nach anderswo, vor allem auch dorthin, wo ich sonst nicht lese. Neue Ufer. Danke. Schöne Dinger mit bei.

Too much information
Ein Freund der Nische. Hier bekomme ich auch mal Links zu kleineren Blogs, die kein Schwein kennt.

digital diary
Claudia ist immer sehr ernsthaft. Wühlt sich in Dinge ein. Hinterfragt. Hasst nicht. Seriös hat ein Zuhause. Schreibt nicht nur selbst, sondern verlinkt auch gerne.

Tanos Katzentisch...
Ach, der Tano. Mein Lieblingsausraster. Manchmal müssen Sie ihn etwas kitzeln (er ist alt, da dauert es länger), aber dann rastet er wie kein zweiter. Legendär sein Hassausbruch, weil ich fand, dass ein Anwalt, den er aus den Bauernkriegen kennt, auf seiner U-Bahn-Anzeige ein so supersympathisches Gesicht macht (Trigger, Lunte, Boom, da geht er ab). Er macht nicht nur klassische kommentierte Linklisten (er nennt sie Wundertüten und das sind sie), sondern ist durchgehend linkfreudig. In fast jedem Text ein Ding auf irgendeinen Kollegen oder eines seiner Aachener Provinzkäseblätter. Ohne anbiedernd sein zu wollen (ich hasse das): Ich wünsche dir noch ein paar gute Jahre, mein Lieber, deine brockige Kotze in meiner Kommentarleiste werde ich vermissen, wenn du mal den Eimer umstößt.

happybuddha75 - Apple, Kunst, Leben
Oft sehr podcastlastig. Schade, dass mir für Podcasts jede Zeit fehlt, aber wenn die Links dorthin so gut sind wie die zu den Texten, soll mir das recht sein.

Alles ist wahr
Früher mal mehr Links. Jetzt immer mehr Twitterzeugs. Naja...

Ach komm, geh wech!
Sie nennt es Webgedöns. Schön.

Herzdamengeschichten
Ein Alphablog mit Millionen vielen tausenden Followern, das regelmäßig Leute in entlegene Ecken schickt. Vorbildlich.

Fefes Blog
Na gut. Mehr Links als der geht nicht. Ne Beschreibung braucht er auch nicht. Und einen Link schon gleich gar nicht.

Netzbasti
Und hier noch der kleine fefe. Die reinste Linkschleuder.


Das isses, mein ich. Zumindest was die Blogs in meinem Reader angeht. Die Reihenfolge ist keine Wertung, sondern Zufall. Was mir spontan so einfiel. Wenn ich jemanden vergessen habe, dann bedaure ich das. Dann werde ich wohl langsam so senil wie Tano. Posten Sie bitte Inspiration, wenn Sie welche für mich haben, die ich übergangen habe. Ich trage das nach.

Mir bleibt nur wieder das letzte Wort: Wenn Sie sich hier nicht wiederfinden, dann machen Sie doch was dagegen. Schicken Sie Ihre Leser auf die Reise. Verlinken Sie mehr. Sonst ist irgendwann wirklich nur noch Facebook. Und das will keiner.


Mittwoch, 9. November 2016

Hurra die Welt geht unter



Gestern ging ich ins Bett in dem Wissen, dass sowieso klar ist, wie die Sache ausgeht. War doch klar, oder? Zumindest früher war immer klar, wie die Sachen ausgehen. Wenn die versammelten Journalisten schreiben, dass es keinen anderen möglichen Ausgang gibt, dann war das immer so. Hartz IV. Notwendig. Schrieben alle. Kam auch. Bundeswehr im Ausland. Notwendig. Schrieben alle. Kam auch. Merkel. Sowieso notwendig. Schrieben alle. Deswegen ist die immer noch da. Und zuletzt: CETA. Notwendig. Schrieben alle. Ein Feuerwerk der Meinungsmache gegen die Überzeugung vieler. CETA kommt. Was geschrieben wird, kommt. Kommt immer. Es gibt gar keine Alternative.

Das gilt so nicht mehr.


Ich bin auch vor ein paar Monaten am Vorabend der Brexit-Entscheidung ins Bett gegangen und die Sache war eigentlich klar. Alle Umfragen wiesen Mehrheiten für den Verbleib in diesem Moloch von Bürokratiemonster aus, das seine positiven Auswirkungen - Reisefreiheit, gemeinsame Währung - sukzessive aushöhlt, die Geldverschwendung wie einen Fetisch vor sich her trägt und peinliche Karikaturen von Kommissaren in ihren entscheidenden Gremien duldet. Wie bitte? Brexit? Vergisses. Die öffentliche Meinung war da glasklar: Es bleibt wie es ist. Ein Austritt ist keine Alternative. Undenkbar. Unmöglich. Alles sprach dagegen. Und dann kam es doch.


So lief das jetzt auch bei Trump. Kuck dir mal den an. Der hatte doch keine Chance auf einen Sieg. Ein Kretin. Gestern noch: 4% Vorsprung für die Eiserne. 5%. 3. Mehr. Weniger. Egal. Immer ein Vorspung. Trump kann nicht gewinnen. Die komplette Medienlandschaft war sich einig und feuerte aus allen Rohren. Hillary. Endlich eine Frau. Vergessen Sie Trump. Der Typ geht gar nicht. Schrieben alle. Die Fingerkuppen sich wund. Seit einem Jahr.

Jetzt hat Trump gewonnen.


Dieser Fickfinger. Trump ist der Fickfinger. Der Brexit war schon der Fickfinger. Ihr habt die Verlierer jahrelang verarscht, ausgerenzt, gedemütigt, doch die Verlierer ficken euch jetzt mit euren eigenen Mitteln und freuen sich, wenn ihr deswegen weint. Sie irren, wenn Sie glauben, dass es um Fakten geht. Es geht nicht um Fakten, es geht nicht darum, dass die ausgegrenzte Unterschicht gegen ihre eigenen Interessen wählt (natürlich tut sie das, aber das ist nicht der Punkt), es geht ums Gefühl. Erfolg haben Sie inzwischen immer öfter nur noch, wenn Sie den Bauch ansprechen. Jemand wie Nahles hat keinen Erfolg. Jemand wie Nahles kommt über einen hermetisch abgeschlossenen Parteiapparat voller ekliger Schranzen an ihren Posten. Jemand wie Nahles verursacht Abscheu. Niemand hat die gewählt. Niemand will die haben und doch müssen wir sie alle alimentieren. Wir wollen andere Leute. Bern. Feel the Bern. Bernie Sanders hätte Trump besiegt. Auf seinem eigenen Feld. Bei den Abgehängten. Die niemanden wählen, der 260.000 Dollar für eine Rede einstreicht. Würde ich auch nicht. Weil das widerlich ist.


Die AfD wird von Trump lernen. Wenn sie klug ist, wird sie sich nicht anbiedern, keine Posten übernehmen und irgendwann, wenn die Sterne günstig stehen, einen aufstellen, der ähnlich rotzig wie Trump gegen das, was sie Establishment nennen, antritt. Und der deswegen als glaubwürdig wahrgenommen werden wird.

Wir haben hier in Deutschland auch ein Establishment. Glauben Sie nicht, oder? Establishments haben immer nur andere. Wir nicht. Oder? Doch. Ich sage, wir haben eines. Es lebt wie alle Establishments in seiner eigenen Welt. Es hat mit mir nichts zu tun. Ich schaue mit Befremden auf sein Treiben. Ich verstehe es nicht. Und wähle es auch nicht. Es spricht nicht meine Sprache und je mehr es an Boden verliert, desto mehr klammert es sich an seine Symbole, desto mehr nutzt es seine Netzwerke, angeschlossene Journalisten, hörige Parteigänger, die Wirtschaft, für den eigenen Machterhalt. Für die Posten. Je mehr es unter Druck gerät, desto weniger packt es die wichtigen Probleme der kleinen Leute an, von deren Bedürfnissen es sich entfernt hat. Schauen Sie auf Berlin. Keine Lösung der Wohnungsfrage. Keine Lösung der Schieflage bei der Verteilung des Reichtums. Keine Lösung bei der Segregation in reiche und arme Viertel. Schulen. Kitas. Arbeitswege. Nichts. Ideologie statt Ideen. Dosenpfand. Verbot von Glühbirnen. Reglementierung von Duschköpfen. Staubsaugern. Außenwänden. Heizpilzen. Drei neue Mülltonnen für mehr Mülltrennung. Und natürlich Gender. An Gender geht heute gar nichts mehr vorbei. Bewerbungen von Frauen sind ausdrücklich erwünscht. Frauen werden bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung bevorzugt berücksichtigt. Das Bevorzugen stört Sie? Ja? Dreckiger Sexist. Oder Nazi. Sie haben schnell einen Stempel auf der Stirn, der Sie ausstößt. 


Wenn Sie nicht alles gut finden, was die ganz große Koalition an Vorschriften und Vorgaben gebiert, laufen Sie Gefahr, sich ganz schnell schlechte Gesellschaft einzufangen. Wenn Sie Politiker nicht mögen und Journalisten erst recht nicht, finden Sie sich inzwischen auch als ganz normaler Oppositioneller in einem Sack mit den Dresdner Lügenpressekrakeelern wieder. Es ist schwer geworden, sich abzuheben, zum Hackemob die Grenze zu ziehen, doch das ist gewollt. Diffamierung ist ein Mittel der Disziplinierung. Doch was soll der Unterprivilegierte heute wählen? Links kämpft gar nicht mehr für soziale Gerechtigkeit, die Unterschicht oder die unterdrückten Massen, sondern für die Partikularinteressen unangenehm lauter Minderheiten aus dem Berlin-Mitte-Universitätsmilieu. Links kämpft für Quoten in Vorständen, Wärmedämmung an Fassaden, Fahrradhighways und den Schutz des Sonntags. Was soll der Scheiß? Wenn ich mich da schon nicht wiederfinde, wie soll es jemandem gehen, der nicht links sozialisiert wurde? Jetzt schauen Sie doch nicht gleich wieder so. Ich habe keine politische Heimat mehr. Die wurde gekapert, zerlegt, vor einen Karren gespannt. Und ja, natürlich liegt das an einem Parteienkartell, das sich in weiten Teilen so einig geworden ist, dass es komplett egal geworden ist, wen Sie wählen. Und das weiß auch jeder, der nicht zufällig von dieser Suppe profitiert oder sogar einen Posten inne hat, auf dem er nichts mehr mitbekommt vor lauter persönlichen Referenten, Kofferträgern, Zuarbeitern und Hofschranzen, die Stimmungen vorfiltern, vor lauter Dienstwagen, die durch den eigenen Tunnel in die Machtzentrale fahren. Unser Washington heißt Regierungsviertel. Abgehoben. Ignorant. Verfilzt. Das wird doch nicht deswegen falsch, nur weil es derzeit erfolgreich von rechts kritisiert wird. Früher wurde das Kartell noch von links kritisiert. Angegriffen. In Frage gestellt. Da hat man den tapferen Gysi noch ausgelacht. Beschimpft. Die Linke ausgegrenzt. An einen Katzentisch gesetzt. Später haben die vom Kartell umgedacht. Sie haben die Linke eingerahmt. In die Mitte genommen. Mit Posten versorgt. Kein Diepgen-Senat war so neoliberal wie die Koalition aus SPD und PDS. Niemand hat mehr Wohnraum privatisiert. Niemand sonst hat es gewagt, den sozialen Wohnungsbau komplett aus der Stadt zu radieren. Fragen Sie mich doch noch einmal, warum ich nicht wähle. Wen denn bitte?


In Berlin werden die Linken demnächst wieder dabei sein. Auf den bequemen Sesseln der Regierungsbank. R2G. Rot-Rot-Grün. Ein paar Schwerpunkte stehen schon fest: Berlins geistesgestörte Fahrradfahrer sollen bald legal bei roter Ampel durchbrettern dürfen (erklären Sie das mal Ihrem Kind), die Kolonialzeit soll mit viel Geld (und sicherlich vielen Pöstchen) aufgearbeitet werden und natürlich Gender. Immer mehr Gender. Keine Titten mehr im Straßenbild (hey, mir kommt das entgegen, aber Ihnen vermutlich nicht), mehr Schutz von weiblichen Gewaltopfern (von männlichen hören Sie wie immer nichts) und für Frauen reservierte Ausbildungsplätze in den Landesbetrieben. Hurra. Da bin ich froh, dass die Stadt keine anderen Sorgen hat, zum Beispiel einen Wohnungsmarkt, in dem Sie mit 100 anderen armen Würstchen um die letzten Scheißbutzen konkurrieren und sich im Angesicht von schmierigen Maklern einem entwürdigendem Casting unter kompletter persönlicher Entblätterung (und Erniedrigung) stellen müssen, oder dass die Stadt Bürgerämter betreibt, die ihre Arbeit vor lauter Personalmangel in weiten Teilen schlicht eingestellt haben, bei denen Sie keine Termine mehr bekommen und die Sie auch nicht spontan aufsuchen können ohne einen Tag Urlaub zu nehmen und dabei trotzdem nicht die Sicherheit haben, dass Sie Ihr Anliegen bei einem Bürokraten platzieren können. Oder einen Nahverkehr, der die aus allen Nähten platzende Stadt nicht mehr bewältigen kann, eine S-Bahn, die mittlerweile wöchentlich zum Berufsverkehr ihren Betrieb einstellt, wonach ich entweder nach Hause laufen oder umständlich über Stunden später zur Verfügung gestellte Ersatzbusse über Umwege nach Hause gurken kann. Rolltreppen kaputt. Straßen kaputt. Gehwege kaputt. Schulen kaputt. Schienen kaputt. Das ist es, was die Menschen stört. Woran jeder Idiot merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Doch auch R2G hat das nicht auf dem Schirm. Wird die Dinge nicht verbessern. Sondern lebt schon vor der Inthronisierung in einer ganz eigenen Welt, die mit meiner keine Schnittmengen hat.


Seien Sie froh, dass ein Björn Höcke in seiner Partei noch die Minderheit vertritt. Doch der kann warten. Der wartet darauf, dass der Trend aus Amerika, dessen Trends immer mit Verspätung auch zu uns kommen, hier einschlägt. Dann wird er am Brandenburger Tor stehen. Oder wegen mir am Alexanderplatz, weil er zu unästhetisch fürs Brandenburger Tor ist. Alex. Hinterm Alexa. Da wird er stehen. Als Außenseiter. Verhasst und verlacht von allen gängigen Medien. Verhöhnt von Claus Kleber. Verlacht von Gundula Gause. Alle Umfragen gegen ihn. Noch am Abend vor der Wahl. Keine Chance. Der Paria. Und nach Schließung der Wahllokale kommt die Eisdusche. So wie sie heute morgen in die Fresse von Donald Trump geglotzt haben. Die Schönenborns. Die Tina Hassels. Da stehen sie auf ihrer Atlantikbrücke und verstehen die Leute nicht mehr. Verstehen gar nichts mehr. Können nicht glauben, dass es anders kommt als gewollt. Als prognostiziert. Bemühtes Ringen um Fassung. So wie heute morgen. Fast habe ich mich darüber gefreut, fast hätte ich beim Anblick ihrer verstörten Gesichter diebische Schadenfreude entwickelt, wäre wegen ihrer hilflosen Kommentare fast in lautes Lachen ausgebrochen, wäre nicht einer wie Trump der Auslöser gewesen.


Sie erleben gerade eine perverse Form von Revolte. Diejenigen, die an den Rand gedrängt wurden, wählen jetzt den Fickfinger. Mit voller Überzeugung. Inbrunst. Ohne Reue. Ohne Skrupel. Und es ist egal, was sie da in ihren Elfenbeintürmen über ihren Fickfinger schreiben. Und es ist egal, was der Fickfinger in Kameras oder auf Tonspuren spricht. Hauptsache er ist ein Fickfinger. Der euch alle fickt. Viel Spaß damit. Ihr habt die Gesellschaft kaputt gemacht, Werte lächerlich gemacht, Menschen entsolidarisiert, Zusammenhalt geschleift, soziale Sicherheit aufgebohrt und das toxische Konkurrenzdenken in alle Bereiche des Lebens getragen, gefordert und gefördert, seit 25 Jahren macht ihr das. Jetzt kommt der Fickfinger. Eure Verantwortung. Eure Quittung. Fresst die Medizin. Schön schlucken. Lecker. Nicht?


Einen Vorteil hat das Ganze, wenigstens einen. Ich bin ja Optimist (nein, bin ich nicht). TTIP ist jetzt tot. Wenigstens das können sie nicht mehr durchpeitschen. Das geht jetzt nicht mehr. Denn Trump will das nicht. Und die Amerikaner haben Trump gewählt.


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Frau Meike

Herr Mersmann

Feynsinn

Herr Glumm

Spiegel / Fresse

Feel the Bern

K.I.Z.

Der große Philosoph Mad Mügge: