Freitag, 6. Januar 2017

Lass kacken



Es ist ein junger Dezemberabend in der Gegend um den Anhalter Bahnhof. Flutlicht brennt. Wind pfeift. Ein erfrischend multikulturelles Team spielt ein Trainingsspiel, dem ich lange zusehe. Drüben in einer Pizzeria neben dem Redaktionsgebäude des Tagesspiegels sitzen zufriedene Menschen satt vor Grappa und Espressi. Ich bin schon wieder hier. Und zu früh. Das Tempodrom hat noch zu. Also drehe ich eine Runde um den Kiez, in dem ich zuletzt vor 15 Jahren Runden gedreht habe.

In einem dieser üblen Kästen an der Stresemannstraße, solcher Gestalt, die sie im Osten Schließfächer nennen, wohnte Steffen. Ja, nennen wir ihn Steffen. Steffen ist ein guter Name. Ich habe ein paar Monate bei Steffen gewohnt. Steffen hat mir geholfen. Mit einer Couch. Mehr braucht es manchmal gar nicht.

Steffen hatte ein Händchen für gutes Zeug. Und das gute Zeug war überall drin. Wenn er Gäste empfing, stand es auf einem kleinen schäbigen Beistelltisch. Das Gelee. Der Pudding. Der Kuchen. Alles da. Sauber aufgereihte Tütchen auf Tabletts. Mein Asyl und meine Couch. Ich war monatelang drauf. Was geredet wurde, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht wurde gar nicht geredet. Und wenn, dann nur Unsinn. Wenn mal nicht Linton Kwesi Johnson, Wagner Pá oder 90er-Jahre-Hamburg-Digger-HipHop lief, lief Helge Schneider. Wenn man drauf ist, ist Helge Schneider richtig gut. Dann ergibt das ganze Zeug, das der in die Welt brabbelt, sehr viel mehr Sinn. Sinn, der am nächsten Morgen bei Kaffee und der ersten Zigarette des Tages wieder verschwand, nur um abends wieder zu kommen.

Die wichtigste Aufgabe jener Tage bestand darin, für Essen und Getränke zu sorgen. Unten beim Supermarkt, den jemand ins Parterre des Wohnkastens eingebaut hatte. Fahrstuhl runter. Rein. Raus. Wieder hoch. Nicht ist schlimmer als drauf sein ohne etwas zu essen und zu trinken in Greifnähe zu haben. Das war wichtig. Mehr Verantwortung war nicht.

Manchmal liefen nicht die Alben von Schneider, sondern die Filme auf einem für damalige Verhältnisse bemerkenswert großen Fernseher. In Dauerschleife. Einer drückte immer noch einmal auf den Knopf. Und noch einmal. 00 Schneider. Texas. Die Stelle mit der Mutter und der Butter gefiel mir besonders. Wenn diese Szene lief, war das, was ich dann nach außen trug, mit hysterischem Gekicher noch schmeichelhaft beschrieben. Auf einem der Alben war das alte Helge-Reinhold-Spiel drauf. Das mochte ich auch. Dazu ging ich kein Stück weniger ab. Irgendwann haben die anderen damit begonnen, das Ding zu skippen, wenn es dran war. Sie konnten mich nicht mehr ertragen.

Streckenweise wohnte Heike auch hier. Ja, nennen wir sie Heike. Heike ist ein guter Name. Irgendwann haben Heike und ich beschlossen, dass es eine gute Idee sein könnte, zusammen auf meiner Couch zu schlafen. Es war keine gute Idee. Es war unbequem. Ich bekam keinen hoch. Und Heike wurde nicht feucht. Sie hat kein Gefühl in ihren Brustwarzen. Das weiß ich, weil sie es mir gesagt hat, nachdem ich eine quälend lange Zeit wie an nicht angeschlossenen Radioknöpfen daran herumgedreht habe. Weil mir nichts anderes einfiel, nahm ich von dem Poppers, wovon Steffen von einem befreundeten Chemiestudenten eine ganze hochwirksame Regalreihe herstellen lassen hat. Nichts. Null. Da ging gar nichts. Außer Kopfschmerzen. Ganz zuletzt haben wir eine Creme gesucht, doch es gab nur diesen blauen Topf von Nivea auf dem Scheißhaus. Das Zeug brannte. Wir haben es gelassen. Wir haben das alles gelassen. Es blieb der mit Abstand jämmerlichste Fickversuch aller jämmerlichen Fickversuche dieser Erde. Niemand hat diese Stunden je wieder erwähnt. Ich würde das nie jemandem erzählen, der mich kennt.


Was mich am Koksen stört, ist der Affe ab dem nächsten Tag. Die Schweißausbrüche. Die Unruhe. Über Tage immer wieder in Wellen angeschwemmte Depressionen, die sich nur mühsam zurück ziehen, nur um Sie einfach so wie nebenbei wieder hinein zu werfen in eine Unsicherheit, die Sie überwunden dachten. Der nachwirkende Angriff auf die für intakt gehaltene Psyche stresst. Ein Körpergefühl wie ein Junk. Scheiß Affe. Gäbe es das nicht, wäre Koks grundätzlich eine gute Sache in Zeiten, in denen die Welt Sie herausfordert. An denen Sie stehen bleiben müssen. Diese Energie. Diese unendliche Energie. Die in dieser Intensität kein Körper ohne Hilfsmittel aufbringen kann. Optimismus. Selbstsicherheit. Unglaubliche Kraft. Die Welt aus der Verankerung reißen und ins All kicken. Alles ist in dem Moment in Ordnung. Und möglich. Koks macht ein gutes Gefühl. Während es wirkt. Bis schließlich der Affe kommt.

Wenn Sie die Sache nicht unter Kontrolle haben, frisst Sie das alles auf. Es gibt immer eine Kehrseite des Übermuts. Es kann gravierende Nachteile nach sich ziehen. Sozial. Seelisch. Gesundheitlich. Finanziell sowieso. Bei mir ging das Ersparte drauf. Alles. Als ich nach Monaten voller Kontrollverlust wieder arbeiten ging, hatte ich nichts mehr. Verraucht. Verzogen. Verschnupft. Nix mehr da. Und der Dispo ausgeleiert. Später in meinem Leben ging noch einmal Erspartes drauf. Für Aktien, die mir ein Freund empfahl. Solarbutze. Heißer Scheiß. Die Firma ging pleite, mein Geld war weg. Ich finde, da haben sich die Drogen mehr gelohnt. Ich hätte das Geld für die Solarfritzen gleich verkiffen sollen.

Als ich Steffen das vorerst letzte Mal sah, war ich drauf. Wir haben noch einmal alles gezogen, was es gab. Noch einmal das ganze Programm. Das ganze Helge-Reinhold-Spiel. Ich bin danach mit dem Auto zu meiner neuen Wohnung gefahren. Drauf wie ich war. Von der Stresemannstraße bis nach Neukölln. Orientiert habe ich mich an den Straßenlaternen, die vorbeizogen wie kleine Raumschiffe. Auf der Urbanstraße kurz vor dem Hermannplatz musste ich rechts ranfahren. Mir war schlecht. Karussell. Achterbahn. Hämmernde Schmerzen hinter dem Auge. Ich kam tatsächlich sicher an. In Schrittgeschwindigkeit. Mit dem Auto. Warum ich es nicht stehengelassen habe, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich gehörte es zur Vollständigkeit des Schlussstrichs, auch das Auto mitzunehmen, ich weiß es nicht. Doch dass ich es noch ordentlich eingeparkt habe, weiß ich noch. Und ich habe im euphorischen Übermut noch eine Straßenlaterne ausgetreten. Keine Bullen. Nicht gefickt worden. Diese Höllenfahrt tatsächlich zu einem Ende gebracht. So viel Glück hat kein Schwein. Das war immer schon so. Ich habe immer schon zusätzlich zu dieser Freude daran, mich mit voller Absicht den Bach runtergehen zu lassen, sehr viel Glück gehabt. Ich bin ein Glücksschwein, dem ein Schutzgeist im Arschloch steckt. Ich kam immer durch mit solchen Sachen. Andere erleiden schon beim ersten üblen Ding Schiffbruch und gehen unter. Ich komme aus irgendeinem Grund immer damit durch. Mit allem. Keine Vorstrafen. Keine Unfälle. Kein Schiffbruch. Kein Untergang. Das reinste Glück.

Das Pensum dafür muss irgendwann aufgebraucht sein. Irgendwann ist jedes Blatt ausgereizt. Jeder Becher an purem Glück geht irgendwann leer. Noch einmal ein vergleichbares Ding und die Dinge gehen zu Ende. Ganz tief drin weiß ich, dass das so sein würde. Heute bin ich vorsichtig. Ich fahre inzwischen viel mit dem Taxi. Keine Unverantwortlichkeit mehr. Weil es kein Leben lang gut geht.


2016. Ein Sicherheitsschlumpfstudent spricht mich an.

"Könnense mal die Jacke aufmachen?"

"Warum? Haben Sie Terrorparanoia? Schauen Sie nach Sprengstoffgürteln?"

"Vorschrift."

"Ja natürlich Vorschrift."

"Ja. Wirklich Vorschrift."

"Ja. Ich weiß. Vorschrift."

Er fasst in die Innentasche meiner Jacke.

"Ich muss das machen."

"Müssen Sie."

"Muss ich."

"Ja. Müssen Sie. Ich weiß doch."

Deutschland. Ein Land scheißt sich ein.


Als ich auf Helge Schneider warte, erinnere ich mich, dass bei Steffen einmal ein schräger Politaktivist aus dem Tommy Weisbecker-Haus von um die Ecke zu Gast war, der etwas von dem Zeug haben wollte, das es hier in unserer Betonbaubude in der Stresemannstraße gab. Es dauerte nur zwei Songs und er hielt eine Gardinenpredigt. Helge Schneider könne man nicht hören. Der sei sexistisch und rassistisch. Die Texte frauenfeindlich. Altenfeindlich. Behindertenfeindlich. Ausländerfeindlich. Irgendwasnochfeindlich. Was er predigte, hat niemanden interessiert. Schneider lief weiter. Und der Typ kam nicht mehr.

Heute betreibt dieser Mensch bestimmt ein Blog im Internet, flutet Twitter mit Verhaltensvorschriften oder hat das Kulturressort der Zeit übernommen. Irgendwas macht er bestimmt, nur sicher nichts, zu dem man sich locker macht.


Eine absolute Gewissheit für den heutigen Abend ist, dass ich auf einem Platz sitze, um den herum sich Arschlöcher gruppieren. Hier mir säuft einer Bier. Was viele wissen: Von Bier muss man rülpsen, Was viele nicht wissen: Die Schwade stinkt. Und sie zieht zu mir nach vorne. Borbs. Pfffft. Da kommt sie. Borbs. Pffft. Wieder eine. Ich drehe mich um und sage: "Wäre es machbar, dass Sie Ihr Bier nach oben rülpsen? Nehmen Sie es nicht persönlich, aber es mockert übelst. Über kurz oder lang muss ich davon kotzen." (Keine Frage, ich bin ein großer Diplomat)

"Wieso? Ich mach' doch gar nix."

Ah. Der Klassiker. Natürlich macht er nichts. Das ganze Land besteht aus Leuten, die nie etwas machen. Deswegen bringt es auch nichts, die Leute anzusprechen, die sich unmöglich aufführen. Sie werden es sofort abstreiten, sich daraufhin nur kurz zusammenreißen und dann doch weitermachen wie immer. So auch hier. Etwa zwanzig Minuten hält er es aus. Dann macht er weiter. Nur jetzt ohne Borbs. Jetzt nur noch Pffffft. Und die Schwade. Die stinkende Bierschwade. Das lässt gleich wieder Gewaltfantasien entstehen. Ich möchte ihn an den Sitz fesseln. Sein Maul mit einer Maulklammer aus dem Bondageshop fixieren und ihm dann Zeug in die Kehle schütten. Seit Tagen abgestandenes Bier. Einen Urinbeutel vom Urologen. Ommas fleischfarbene Strumpfhose aus dem Wäschekorb. Alle Aschenbecher vor dem Eingang. Die Tampons vom Damenklo. Den abgepolkten Penisgrind vom Penner aus der U-Bahn vorhin. Rein damit. Arschloch. Darf ich nicht? Nein? Wieso eigentlich nicht? Ach, verboten? Wieso?

Ich war sehr weise beim Buchen. Denn vor mir sitzt niemand. Ich kaufe nach Möglichkeit immer Karten für Plätze, bei denen vor mir niemand sitzt. Denn wenn ich das nicht mache, wird dort ein Riese sitzen. Oder jemand mit Hut. Oder einem Afro. Wasserkopf. Oder einer macht Dehnübungen. Damit ich nichts sehe. Das ist immer so. Deswegen buche ich solche Plätze. Ich wehre mich gegen die feindliche Umwelt wo ich kann.

Dafür sitzen sowohl rechts als auch links neben mir Frauengruppen. Das bedeutet Gesabbel. Unendliches Gesabbel. Es ist kein Klischee. Wenn Frauen da sind, reden sie. Irgendwas. Ganz viel. Alle 30 Sekunden ein anderes Thema. Reden Reden Reden. Mehr reden. Das verfolgt mich bis in meinen virtuellen Fluchtpunkt: Ich spiele auf der Playstation gerade ein Spiel, das heißt "The Crew". Dort müssen Sie mit verschiedenen schnellen Wagen mehr oder weniger schwierige Aufgaben lösen. Rallyes fahren, Geschicklichkeitsübungen, Fahren auf eisglatter Fahrbahn auf Zeit. Und damit das nicht zu einfach wird, quatscht Sie entweder vom Beifahrersitz oder über Funk eine Frau voll. Sabbel Sabbel Bla Bla. Alex, mach schneller. Vorsicht! Pass auf. Da hat dich einer überholt. Alex, du musst wieder an die Spitze. Bleib dran. Lass dich nicht abhängen, Alex. Aleeex! Sowas. Seier Seier Bla Bla. Das macht mich kaputt. Ich könnte ausrasten. Ich hätte viel bessere Zeiten und würde viel weniger gegen Hindernisse fahren, wenn die Alte einfach die Backen halten würde. Hält sie aber nicht. Sie sabbelt und sabbelt und sabbelt und ich fahre volles Rohr gegen die Leitplanke und überschlage mich, wonach mich ein Bus erwischt und mein Wagen Schrott ist. Scheiß Kombination. Geiles Spiel, nerviges Geseier. Es hat ein Sadist programmiert.

Schnell wird klar: Rechts neben mir sitzen Studentinnen. Sie sind lauter als die von links. Es geht um Tutoren. Dozenten. Süße Typen. Knackige Ärsche. Die Prüfung zu schwer. Das Mensaessen zu schlecht. Der Hörsaal zu klein. Der Stoff zu kompliziert. Das Geld von Papa zu wenig. Der Barjob zu anstrengend. Die Hörsaalsitze zu unbequem. Die Verwaltung ein Stall voller Schlümpfe. Die neue Tapasbude lecker. Woher ist das weiß? Ich habe mir das alles gemerkt. Das ganze Gesabbel. Ich habe ein Gehirn, das die Fähigkeit besitzt, Unmengen stumpfsinniger Informationen zu speichern und nie zu vergessen. Mein Fluch.


Als das Konzert beginnt, beginnt eine der Schnepfen neben mir damit, von diesem wirklich weit vom Geschehen entfernten Platz zu fotografieren und ihre WhatsApp-Gruppe mit aktuellen Bildern vom Konzert zu versorgen.

Mit Blitz.

Kein Scheiß.

Regelmäßig.

Immer wieder.

Noch eins.

Und noch eins.

Mit Blitz.

Und da ist sie nicht die einzige.

Blitze. Beim Konzert. Was soll das? Halten Sie sich fest: Das bringt nix. Nix! Überhaupt null! Es hat keine Funktion außer die, alle anderen um Sie herum zu Tode zu nerven. So ein Smartphoneblitz kann so einen großen Saal nie so erhellen, dass es Wirkung entfalten würde. Kein Stück. Lassen Sie es sein. Es bringt nix. Es wird Ihr verschissenes Foto nicht besser machen. Was ich jetzt gerne hätte, wäre ein Flammenwerfer. Für den Haufen. Den ich aus ihren ganzen blitzenden Smartphones bauen möchte.


Dann plötzlich war es das für heute. Was für ein schwaches Konzert. Runtergerotzt. Nicht witzig. Ohne Verve. Ohne doppelten Boden. Ohne Wortwitz. Raffinesse. Kein Stück originell. Ich hätte mich zukiffen sollen. So bringt das nix. Nüchtern alte Dinge aufzuwärmen bringt eh nix. Nicht mal das alte Helge-und-Reinhold-Spiel oder irgendwas vergleichbar Schräges hat er gebracht. Sinnloses Gedudel mit Kinderspielzeug, ein lauwarmes Schlagzeugsolo, gelangweilt aneinander gereihte Hits ohne die exotischen Variationen, für die er bekannt ist. Kaum Slapstickeinlagen. Lustlos. Mau. Mittendrin gingen einige. Nicht wenige. Die, die blieben, sind von Begeisterung weit entfernt. Das merkt auch der Künstler, der heute sichtbar keinen Bock hat. Die Zugabe besteht aus einem öden Nationalhymnengezimbel auf der E-Gitarre. Dann geht Schneider von der Bühne und der vergeigte Auftritt dieses verschenkten Abends ist vorbei. Ich habe in Frankfurt in der Alten Oper mal ein Konzert von Helge Schneider gesehen, das war großartig. Musikalisch und verbal. Selbst nüchtern. Der Mann ist ja eigentlich ein Wortakrobat. Ein fantastischer Musiker. Heute nicht. Das hier war schlecht. Lass k(n)acken heißt die Tour. Sehr witzig. Hahaha. Haha. H. Nein. Vielleicht sollte er endlich aufhören. Und ich sollte endlich aufhören, alte Geschichten mit teuren Eintrittskarten aufwärmen zu wollen. Ich bin noch nicht alt genug für diese traurige Sorte Nostalgie.



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credits:
Für den so schön passenden Begriff "Affe" für einen schwer zu fassenden Zustand einen schönen Dank an Glumm.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Lass mal netzwerken - Links vom 5. Januar 2017



Das Nachbarskind spielt Geige. Von gegenüber dröhnt eine Trompete. Aus dem Dachgeschoss Schlagzeug. Keiner der drei beherrscht das Instrument. Musikalische Frühförderung. Prenzlauer Berg ist die Hölle.

Noch was? Immer. Der feine Herr Kiezschreiber hat vor einiger Zeit erst auf dem eigenen Ding und dann später auf fremdem Gebiet Agitation und Propaganda für den Deichgrafen gemacht, eine Spelunke, die zu Lebzeiten die Stammkneipe von Wolfgang Herrndorf gewesen sein soll. Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, den Empfehlungen des Kiezschreibers hinterher zu fressen, doch heute wird das Spiel ein wenig variiert. Heute saufe ich ihm zusätzlich hinterher. Es hat gut anderhalb Jahre gedauert, doch jetzt bin ich hier. Um mich vorsätzlich zu betrinken.


Das geht hier gut. Ich fühle mich sofort wohl. Ein ehrliches Glasbiergeschäft. Keine Spinner. Keine Poser. Oder blöde Wichser mit Dutt, die Iced Woccochino mit Zimtsirup und Amarettoschokoladeflocken bestellen. Da weht er. Der andere Wind. Den Mentalitätswechsel, wenn Sie aus Prenzlauer Berg anreisen, können Sie fühlen. Leute, die hereinkommen, sagen guten Tag. Und Tschüß, guten Rutsch. Zu mir am Tresen. Dem Typen, den sie nicht kennen und der sie nicht kennt. Ich sitze quasi in einem zu groß geratenen Wohnzimmer voller normaler Menschen (total normal, wirklich absolut normal, ich aus meinem bachblütenverseuchten Strickliselterrormütterdreieck zwischen Kollwitz-, Helmholtz und Teutoburger Platz weiß schon gar nicht mehr wie es früher war, solche Leute um sich zu haben).

So ist der Wedding. Hier wohnen solche Menschen. Das gehört zu den Dingen, die ich vermisse, seit dieser Brecher von Eigenheimwelle, flankiert von den Chiasamenbagels, Rucolatellern mit Açai-Goji-Topping, Kichererbsen-Quinoa-Suppen und dem verschissenen Basilikum-Birne-Gorgonzola-Eis vom Irrenhauscafé Annamaria ums Millennium herum über meinen Kiez geschwappt ist und alle noch halbwegs geerdeten Menschen mitgenommen hat: Eine ehrliche Kneipe ohne irgendwelchen superfoodkreativen Scheißdreck. Zapfanlage. Schnitzel. Bier. Punkt. Wenn Sie die Dinge hier ein wenig variieren wollen, dann nehmen Sie doch einfach Leber. Rinderleber natürlich. Und den Hausbrand. Halt die Fresse, Sojakeim. Hier ist immer noch Wedding.


Okay, die Deko hat in manchen Ecken was von Funshirt24 oder einem beliebigen Facebookbildchen für einfallslose Klickficker kombiniert mit Ommas Schleifchen aus Laubenpieperkuckucksheim, aber darüber sehe ich gerne hinweg, wenn die Biere gut gezapft sind, das Schnitzel gut gemacht ist, der Kartoffelbrei nicht weniger und die Leber mir medium ins Gesicht strahlt. Toll. Von jemandem, der sich auskennt, habe ich erfahren, dass der Deichgraf früher eines der Lokale war, in dem sich schon morgens um 9 der Weddinger Bieradel die Seele aus dem Hirn geraucht und gesoffen hat, wobei manche später von ihren weit minderjährigen Kindern abgeholt und nach Hause gebracht werden mussten. Das ist nicht mehr so. Nennt man vermutlich auch Gentrifizierung. Die Rotnasen saufen ihr Morgenbier jetzt vermutlich in Reinickendorf. Tegel. Oder auch nur eine Straße weiter.


Die Fakten: 2 Hauptspeisen, 15 Schnäpse und wirklich viel Bier. Irgendwas zwischen 50 und 60 Euro. Hab' ich vergessen. War besoffen. Doch passt. Ich warte ja darauf, eine Empfehlung von Kiezschreiber Eberling mal verreißen zu können. Heute war es wieder einmal nicht möglich. Guter Ort. Scheiße zu erreichen ohne Auto, aber ein guter Ort. Danke, Ebi Ling.

[Die hier mal veröffentlichte Buchbesprechung war eine Scheißaktion. Den Grund können Sie bei Annika nachlesen. Sie hat schlicht Recht. Mein Fehler. Situation falsch eingeschätzt. Wirkung nicht bedacht. Das tut mir leid.]

Die Links. Read this:


FeynsinnRechtsversteher
Sehr klug, auch wenn es die erwartbare Dresche der erwartbaren Drescheverteiler nach sich zog. Es gibt in der Tat eine wachsende Anzahl an Menschen, die mit dem, was gerade in der Außenwirkung als Links etikettiert ist, nichts mehr anfangen können, aber die sich gleichzeitig dagegen verwehren, von Rechts umarmt zu werden. Es scheint als sind immer mehr Leute genervt von der schneidig-eisigen Politkommissarattitüde, twitternden Gendersternchentröten, asketischen Ernährungsaposteln, Worteüberwachern, Tugendfurien und Zensurinfrastrukturbefürwortern, für die der Kampf gegen Hatespeech nur ein Vehikel für ihren Kontrollwahn ist. Hier in Berlin können Sie fast greifen, wo die Bruchlinie verläuft: Dem AfD-Pöbel von Hohenschönhausen bis Rudow, dessen Wohnungen mit ihren Minijobs immer schwerer bezahlbar werden, faulen die Schulen unterm Arsch weg und die unter dem Label Linksbündnis segelnde neue Regierung der Stadt hat als erstes zu lösendes Problem die Einführung von Gendertoiletten in öffentlichen Einrichtungen identifiziert. Bravo. Ganz groß. Taktisch wahnsinnig klug. Sie wollen mehr Wähler für das braunblaue Protestlager generieren? Läuft.

Im Zuge dessen:

Burks' BlogBeiläufige Anmerkungen zu Nafris und Anti-Nafris und zu meinem persönlichen Profiling
Auftritt der Wortpolizisten und ein weiteres Aufbäumen der Twitterkrieger. Das Jahr hat bereits nach 24 Stunden seine erste Debatte um eine Wortschöpfung. Und alle tröten schon wieder. Das sagt man nicht. Das schreibt man nicht. Das soll man nicht. Das darf man nicht. Ich bin müde. Frau Jay bringt es erfrischend unakademisch auf den Punkt. Hokey auch. Und der Buggisch nicht weniger. Sturm. Wasserglas. Twitter. Ich bin raus.

ZeilensturmZweitausendsiebzehn. Über das Schreiben in den Zeiten von Trump.
Das Schöne ist ja: Wir können schreiben was wir wollen. Oben gewinnt. Immer. Und wir verlieren. So oder so.

Dame.von.weltLeidenschaft
Ihnen ist das hier in Deutschland zu ruhig? Bitte sehr.

ExportabelDeutschland hat Dachschaden, die zweite
Schrankensteher. Ampelsteher. Ein Volk von.

Beves Welt2017 | Es begann im Ostpark. Nüchtern.
Ein Stück Situation großartig eingefangen. Der schönste Text zum neuen Jahr.

LandLebenBlogScheiß-SPD-Schnaps
Es ist doch ganz einfach. SPD ist inzwischen einfach ein Synonym für Scheiße. Die Kombination 'SPD-Scheiße' ist eine Tautologie. Die jungen Leute wollen nichts weniger als einfach was Gutes zu trinken. Und keinen Scheiß. Keine SPD. Also mir leuchtet das völlig ein.

Der SchwulemikerDrei Lektionen für Schwule (die keiner hören möchte)
Das ist für meinen Geschmack dann doch ein wenig zu duckmäuserisch. Selbstvertrauen auch gegenüber einer Mehrheit schadet nie, wobei es einige dann gleich wieder übertreiben, sobald sie irgendwo Macht erlangen. Volker Beck. Ein unangenehmer Mensch. Privilegiert. Laut. Bigott. Unsympathisch. Und deshalb zu Recht nicht mehr auf die Parteikungelliste gewählt.

Das Interessante ist ja, dass die Szene gerne mal die Herrschaftstechniken der Mehrheitsgesellschaft adaptiert, sobald sie irgendwo die Mehrheit stellt. Schon mal eine gutaussehende Hete mit in eine ganz normale schwule Bar - nein, ohne Darkroom, meine Güte - genommen? Ich schon. Was da passiert ist, ist klar, oder? Der arme Kerl wurde von mehreren Seiten über Stunden bearbeitet, dass Schwul werden der richtige Weg für ihn ist. Unangenehm. Doch war abzusehen. Er ist an solchen Abenden ja die Minderheit, der Hetero, also wird er in seiner Jetzt-Minderheitenidentität von der Mehrheit ganz selbstverständlich offensiv in Frage gestellt. Von denen, die sonst selbst die Minderheit sind. Die Frage ist, wieso Menschen es nicht lassen können, andere konvertieren zu wollen, egal welcher Identität sie selbst anhängen und welche Erfahrungen sie damit machen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass je mehr Minderheit vorliegt, desto rigoroser muss assimiliert oder ausgegrenzt werden, vor allem wenn sich mal einer von woanders reintraut. Auch wenn immer das Gegenteil unterstellt wird: Minderheit bedeutet nicht automatisch besserer Mensch.

holy fruit salad!Anstrengend
Die Missionierer haben ein neues Wirkfeld gefunden: Feuerwerk. Jute statt Böller.

VirchGebrannte Mandeln
Opa erzählt vom Benimm.

Herr MiMFängt gut an...
Blond. Ende 20. Borgwürfelbeiwerk.

Der P: vom Leben gezeichnet... und es kam schlimmer!
Der P. - von Scheißgeschenken gemartert.

YouTubeIcke & Er - The Sky is the Himmel
Wo ist meine Bong? (via Boerge)

Dame.von.weltLala: Sophie Hunger
Schön. Aus Diplomatenkreisen kommt Musik, zu der es sich gut kiffen und eine Flasche schweren Rotweins öffnen lässt. Flockig. Nur den dort eingebetteten sehr eitlen Schnöselkunstfreakkinderkurzfilm "The rules of fire" können Sie an den Stellen, an denen keine Musik läuft, skippen. Die dort zu Wort kommende Berlin-Mitte-Bubble ist in ihrem blasierten Gehabe nur schwer zu ertragen. Wenn ich solche Gestalten sehe, bekomme ich Bock, mir einen anzusaufen und auf einer ihrer Vernissagen Böhse Onkelz-Lieder zu rülpsen.

Und weil zwei Damen von Welt nicht reichen, link' ich gleich drei (ansprechendes Blog übrigens, sehr sogar). Zu Tisch. Es gibt Essen:

Dame.von.weltNomNom: Hühnerfrikassee

Zugabe:

Jahrgang 1953Frischlingsrücken - Frisch auf den Tisch


Samstag, 31. Dezember 2016

Das Monster in der Restmülltonne



Sehen Sie was? Nein? Gut so. Das ist meine alte Kaffeemaschine. Ein riesiges Ding. Ein Monster. Ein Vieh von Gerät. Ein Vollautomatmahlwerksungetüm. Eingewickelt in Tüten. Kaputt gegangen gestern abend. Und heute morgen schon im Restmüll. Hurra. Elektronik im Hausmüll. Früher war das normal, jeder entsorgte seinen Mist auf diese Weise, notfalls auseinandergeschraubt oder gleich ganz zerhackt. Computer. Drucker. Kaputte Toaster. Weg damit. Scheiß auf den Recyclinghof oben in der Behmstraße. Sein Weg ist zu weit und seine Autoschlange immer zu lang. Kein Bock drauf. Also ab damit in die Tonne. Wir haben das hier immer so gemacht.

Das hat sich geändert. Sie müssen aufpassen bei mir im Block. Jetzt wohnen hier Analfixierte, die durchwühlen den Müll. Holen nicht Zulässiges da raus und stellen es an prominentem Platz ab, wonach sie es, weil sich natürlich wieder keiner freiwillig gestellt hat, fachgerecht entsorgen. Und dann schreiben sie vorwurfsvolle Zettel, weil sie das entsorgen mussten. Bitten um sachdienliche Hinweise. Zur Ergreifung. Zur Zurechtweisung. Berlin ist jetzt Trenntstadt und alle machen mit bis auf ein paar noch nicht an den Stadtrand gentrifizierte Bastarde, die nicht mitziehen, die nicht dabei sind, keinen Bock haben, sich verweigern. Und im Schutz der Nacht unzulässigen Müll in den falschen Tonnen versenken.

Ich habe das Monster mit drei 120l-Mülltüten umwickelt. Und jeweils zugebunden. Vorher habe ich die Fingerabdrücke abgewischt. Man weiß ja nie, ob es in Prenzlauer Berg inzwischen ein Dezernat für Müllkriminalität gibt und Polizei, BSR, meine Krankenkasse oder Wolfgang Schäuble inzwischen meine Fingerabdrücke irgendwo gespeichert haben, mit denen die Ergebnisse der forensischen Abteilung abgeglichen werden können - meine mit Puder und Tesafilm gezogenen Fingerabdrücke von der illegal im Hausmüll verklappten Kaffeemaschine.

Zuletzt habe ich, als hätte ich gerade eine Leiche vergraben, eine legale Mülltüte voller legaler Müllreste drüber geschmissen, mit lauter Zeug drin, das da rein darf, Tüten, Folien, Kerzen von Weihnachten, Restmüll, legalem Restmüll, der jetzt meine alte Monsterkaffeemaschine verdeckt, hier in diesem Müllfetischistenparadies mit zwölf verschiedenen Tonnen, über deren Unterschiede ich schon lange den Überblick verloren habe und in die ich wahllos und mit voller Absicht alles, das nicht nachverfolgt werden kann, irgendwo reinschmeiße, weil mir ihre analfixierte Mülltrennerei im Verein mit ihrem korinthenkackerischen Kontrollwahn inzwischen zur Kimme raushängt. Sie haben es übertrieben und jetzt habe ich keinen Bock mehr. Ich blockiere die Spielwiese kleinbürgerlicher Glückseligkeit derer, die die fachgerechte Sortierung von Abfall als ihre Erfüllung sehen. Ich trenne gar nichts mehr. Nicht mal mehr Papier. Warum soll ich auch? Nur der Deutsche ist so blöd und nimmt den grüngewaschenen Recyclingindustrietrusts die Arbeit ab, die das ganze Zeug, mit dessen Wiederaufbereitung sie das Geld für ihre Vorstände und Shareholder verdienen, sonst teuer selbst sortieren müssten. Am Arsch. Nicht mit mir. Scheißebauen ist mein Gemüse. Sowieso können Sie in Prenzlauer Berg am effektivsten rebellieren, indem Sie diese neuen piefigen Konventionen blümchenkleidtragender Hausmütterchen brechen: Den halb gefressenen Döner in ihre Blumenrabatte werfen, die Werbung aus dem eigenen in die Briefkästen mit den fickenden Fröschen verteilen, nach 22 Uhr Musik hören und vor allem den Müll nicht trennen. Vor allem das. Da rasten sie aus. Da gehen sie ab. Hoch. Die Wände. Dann herrscht hier plötzlich Leben. Aufregung. Öffentlichkeitsfahndung. Traumhaft.

Huh. Still. Schritte. Wer ist das? Der Müllzettelnazi? Haben sie inzwischen Kameras hier angebracht? Mit stillem Alarm? Haben sie mich jetzt?

Nix is. Deckel zu. Seitenflügel. Dann raus. Ab durch die Nacht. Sie kriegen mich nicht. Noch nicht. Noch nicht.


Donnerstag, 29. Dezember 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 29. Dezember 2016



9. Regel des Fight Club: Ick komm zu nüschte.

Hier, zuerst, Gardinenpredigt olé. Sie wollen Ihren Blog also gerne hier verlinkt sehen. Wissen Sie was da nix bringt? Betteln: 'Hey kannst du mich mal verlinken mein Blog hat zu wenig Leser wär cool wenn du mal bla...' Bringt nix. Besser Sie hinterlassen mal einen kleinen Kommentar, der nicht nach schnödem Linkdropping stinkt (so etwas hier zum Beispiel bitte nicht: 'Hey, geiler Text, Digger, ich hab auch 2012 mal was dazu geschrieben, kuckmal: http://udoskleinewelt.blogspot.de/meine-fahrt-in-den-spreewald.html'. Doof. Durchschaubar.) Schaffen Sie lieber Neugierde ohne Linkdropping. Nur dann ist es hinreichend wahrscheinlich, dass ich bei Ihnen reinklicke. Und haben Sie dann dort auf Ihrem Blog schöne Texte, die mir gefallen, verlinke ich Sie bestimmt. Schwöre. Ziemlich sicher sogar. Sonst nicht. Einfach, oder? Na dann los. Schreiben Sie.

Hunger? Immer. Ich esse jetzt tatsächlich auch in Zehlendorf. Wegen des alten gammligen Gossenpoeten, der sich Kiezschreiber nennt und auf seinem Blog mindestens fünf verschiedene abgespaltene Persönlichkeiten unterhält, bin ich da hingegurkt. Ins bräsige Eigenheimvillenschnepfenghetto am Stadtrand. Mindestens einer seiner Spaltpilze frisst nämlich gerne und hat vor Jahren mal Berliner Restaurantempfehlungen gedroppt, die ich versprach, hinterher zu fressen. Deswegen bin ich heute in Zehlendoof. Zwei Mal hat er Agitation und Propaganda für einen dort eingerichteten Burgerladen betrieben, einmal als ganze Hymne, dann als Bonmot nebenbei. Hier, alter Mann, friss das:


Und friss das:


Ein fucking Corn Dog. Kiezschreiber Eberling geht dabei folgender ab:

Ein Würstchen, das in Maisteig getaucht und dann an einem Holzstäbchen frittiert wird. Man isst es wie Eis am Stiel. Köstlich. Habe ich noch nie gegessen. Wir sind uns einig, dass eine amerikanische Institution wie der Corn Dog in Berlin überfällig war. Ich frage mich, wieso ich fast fünfzig Jahre ohne Corn Dogs leben konnte.

Naja. So weit würde ich nicht gehen, aber das Zeug ist überraschend wenig schlecht und das ist das Positivste, das ich über frittierte Dinge sagen kann (ich lehne Frittiertes, das keine Pommes ist, rundweg ab). Immerhin.

Kommen wir zum Monster, einem krassen Vieh von Burger, den Sie sich aus folgender Matrix zusammenrechnen können:


Geil. Das ist gut. Gut gelöst. So will ich das haben. Gute ehrliche Burger. Keinen Hipsterrotz mit Birne-Açaiguano-Rucola und Gorgonzolacreme für versnobte Mittewichser, sondern einfach nur Beef. Ich habe keinen Veggieburger gesehen. Gut so. Endlich mal ein Ort, an dem diese Typen garantiert nicht sind. Top. Hier, Reste auf Teller, fuck the fucking Foodporn:


Liegt gut in der Hand. Kein Auseinanderfallen. Kein Zermatschen. Ein Könner hat den gemacht. Eine ehrliche Mahlzeit, eine gute Sache. Toll. Die zehn Euro voll wert.


Sehr schön am Lokal ist auch die persönliche Betreuung. Der Cowboy selber kommt aus der Küche und nuschelt ein paar Dinge (die ich nicht verstehe), ein paar biertrinkende Gestalten sitzen herum, die aussehen wie mit den Stühlen verwachsen, Molle vor sich, Schnäppeken dazu, das ist hier ein kleines Wohnzimmer. Ein Zuhause, in dem diese Leute mit Namen begrüßt werden, wenn sie reinkommen. Hey Manfred, wie geht's? Ach, das Kreuz, sagt Manfred, das Kreuz.

Ich komme mit dem Service ins Gespräch. Es gibt wohl einen Typen, der das Lokal auf Facebook disst. Das geht der jungen Frau sehr nah. Die obszön langen Klebewimpern klimpern empört, als sie den übelsten Diss nacherzählt. "Schlimmste Burger ever!!" schrieb der da auf Facebook. Sehr furchtbar war das. "Das Internet", sage ich mit der bornierten Routine des Bloggers, der vermutlich jeden Spinner schon einmal an sich vorbeiziehen gesehen hat, "es ist doch nur das Internet. Irgendwer krakeelt immer." Sage ich, der ich das sagen kann, weil meine Existenz nichts mit dem Internet zu tun hat. Nicht die Bohne davon abhängig ist. Man kann zwar den Borgwürfel, meinen Arbeitgeber, im Internet bewerten, aber nicht mich. Mir ist das scheißegal wie der Borgwürfel im Internet bewertet ist. Hätte ich einen Account bei Facebook oder einem dieser Bewertungsschlumpfportale, dann würde ich den Borgwürfel eigenhändig mit einem von fünf Sternen runtervoten: "Ein unmöglicher Ort. Mir unverständlich wie jemand dort arbeiten kann. Ein Stern und selbst der ist noch zu viel. Schade dass man keine Minussterne vergeben kann."

"Wie läuft der Laden?", frage ich, um das Thema endlich zu wechseln. "Naja, in Ordnung. Mit Gastronomie wird man nicht mehr reich. Schon gar nicht hier." Und dann folgt eine Tirade über das Finanzamt, die Konkurrenz und wieder diese üblen Facebookbewerter. Na klar, ich weiß ja, kein Gastronom würde Ihnen einräumen, dass sein Ding gut läuft. Klappern. Immer klappern. Gehört zum Geschäft. Dennoch, ich glaube hier ausnahmsweise nicht, dass das Lamentieren übertrieben ist. Heute ist kein Mineralwasser zu bekommen. Auch einzelne Burgersorten sind aus. Für sie fehlen offenbar die Bausteine. Und ich hatte den letzten Corn Dog, der noch vorrätig war. Sie sehen: Hier ist Kante. Auf Kante genäht. Also gehen Sie mal hin. Ich fürchte, dem Lokal geht es nicht gut. Essen Sie was. Nette Leute. Gutes Essen. Wär schade drum.

Die üblichen Fakten: Zwei Hauptspeisen. Ordentlich Sidekicks. Getränke. Kein Alkohol. 28 Euro. Kann ich nichts sagen.

Uncle Sams Diner
Berliner Str. 3
Zehlendorf

Danke für den Tipp, Ebi Ling.


Noch kurz zu Zehlendorf. Dieser Ortsteil ist sehr seltsam. Wenn Bürgerlichkeit ein Zuhause hat, dann ist es hier. Butter Lindner. Pelzkragen. Feines Schuhwerk. Und eine Pralinenbude, die hier eben gerade nicht Pralinenmanufaktur wie in der hippen Innenstadt heißt, in der jeder Scheißdreck gleich hochtrabend eine Manufaktur genannt wird. Nix. Erfrischend unaufgeregt. Keine durchgeknallten Boutiquen mit angeschlossener Salatbar, eröffnet von durchgeknallten Zugereisten aus Bad Bevensen. Nix davon. Keine abgedrehten Kaffeebuden. Keine Thai-American-Bolivia-Chisibubikaio-Ethnoworldfusionfuck-Küche. Dafür Block House. Saubere Bürgersteige. Fahrradfahrer, die an einer roten Ampel halten. Mercedesse, die alle noch ihren Stern haben. Passanten, die einander ausweichen. Keine Hundescheiße auf den Bürgersteigen. Keine. Nicht eine Wurst. Eine Essenz aus Bürgerlichkeit. Ich würde keinen Tag hier leben können.


Zuletzt stehe ich mit gruselig süßem Punsch in der Hand auf einem völlig unaufgeregten Weihnachtsmarkt, als mir ein Froschgesicht eine Unterschriftenliste ins Gesicht hält. Für die Offenhaltung von Tegel. Des Flughafens Tegel. Wir kommen ins Gespräch:

"Ich kann das nicht unterzeichnen."

"Warum nicht?"

"Gegenfrage: Haben Sie Flugzeuge über Ihrer Wohnung?"

"Nein."

"Sehen Sie. Ich schon."

"Oh."

"Ja."

"Wo wohnen Sie denn genau?"

"Prenzlauer Berg. Seit Tegel aus allen Nähten platzt, sind die Korridore dicht und sie fliegen manchmal sogar über Prenzlauer Berg ein. Und das ist laut, obwohl die bei uns noch vergleichsweise hoch fliegen. Doch es nervt sehr." (das war zwar nur im Sommer ein paar Mal, aber das weiß der ja nicht.)

"Ja, aber das ändert sich ja wieder, wenn Tegel nicht mehr überlastet ist. Wenn BER offen ist."

"Korrekt, aber ich denke da an die Bewohner am Kutschi. Oder oben in Pankow. Jetzt weiß ich eben selbst wie laut das ist. Und ich bin grundsätzlich der Meinung, dass ein Flughafen im Stadtgebiet nichts verloren hat. Sorry, ich unterzeichne das nicht und - ganz ehrlich - ich finde es sehr schräg, dass Sie für eine Offenhaltung trommeln, unter deren Folgen Sie nicht leiden müssten, wenn Sie damit durchkämen."

"Ja, da kommen wir wohl nicht zusammen."

"Nein, kommen wir leider nicht."

"Dann trotzdem noch einen schönen Abend."

"Ja. Ihnen auch."

So können Leute auseinander gehen, die nicht der selben Meinung sind. Aber hier ist ja auch der Weihnachtsmarkt und nicht das Internet.

Auf dem Bahnhof von Zehlendorf begegnet mir dann schließlich der Rant eines Wutbürgers 1.0 und der hat immerhin einen Edding:


Toll. Das komplette Elend auf den Punkt gebracht. Eine Bahn, die den Aufzug nicht repariert bekommt und einfach immer neue Zettel mit neuen Fertigstellungsprognosen hinpappt, was der Wutbürger nicht einfach so hinnimmt, sondern rantet wie früher als es noch keine Blogs gab. Toll.

Gut jetzt mit Zehlendorf. Gut auch, dass die S1 im 10-Minuten-Takt von dort wegfährt.

Nun noch eine Interpretationsaufgabe. Von der Schwäbischen Alb zugesandt bekommen habe ich das da:


Es entspann sich daraufhin eine Diskussion zwischen Uwe und mir, ob das ein für diese Zwecke hier zulässiges Wortspiel sei. Ist das Absicht? Halb eins. Alb eins. Schwäbische Alb eins. Oder nur ein bescheuerter Name ohne Sinn? Interpretieren Sie.

Die Kinks. Threat this:


blogsgesang.de(Un-)Heimliche Terrorhelfer
Zumindest in Berlin hilft das Hysterieschüren nicht.

Noch ein Nachschlag:

Prenzlberger StimmeQualitätsjournalismus: "Der Anschein einer Vermutung"
Unterirdischer Journalismus war das. Wieder einmal. Sie lernen nichts. Diese Fakenewsschleudern.

[aʊχ das nɔχ]Eine Weihnachtsgruselgeschichte
Das Beste an dem Link ist die Flachbirne aus dem ersten Kommentar. Nix verstanden. Nix. Null. Ein Elend. Ich hab' auch so welche. Die greifen inzwischen gerne wieder in die Hitlerkiste. Buhu. Du Böser. Wenn du das schreibst, dann Hitler. HITLER!!,!,, (schnarch)

NeulandrebellenWillkommen bei den Neulandrebellen!
Drei Linke machen ein Ding gemeinsam, das ist die beste Grundlage für Streit, Hass und ewige Zwietracht. Rebellisch im Sinne eines Aufrufs zum Aufstand ist das nur bedingt, liest sich eher wie der übliche akademische Sermon, mit dem außer den Üblichen niemand erreicht wird. Mal sehen.

Noch ein neuer Start, empfohlen vom Kiezschreiber und der weiß ja bekanntlich was gut ist:

Out of the boxEmpanadas
Es geht um einen alten Mann. Und jemanden, der ihn pflegt. Und Kotze. Mit Thunfisch.

M7Kalte Füße
Der Journalismus noch einmal. Für mich hat der Journalismus in Form seiner einflussreichsten Vertreter jedes Vertrauen mit dem Propagandagetöse bei der Einführung der Agenda 2010 verloren. Für andere kam das später. Finanzkrise. Ukraine. Im Moment bricht das Vertrauen an breiter Front weg. Ich finde das gut, denn zu viel Vertrauen macht dumpf und bräsig. (...und zu wenig Vertrauen macht paranoid. Gnarf Gnarf...)

Hirnfick 2.0Chaos Orchid Club (Nachtrag): Der #33c3 und die Feigen_blätter.
Der CCC wurde ganz einfach gehackt. Von den Leuten, die schon die Piratenpartei gefressen haben. Logo. Irgendwo müssen die ja hin, wenn sie ein Ding versenkt haben.

Karla PappelHolm & Stasi?! Drauf geschissen! Und Thema verfehlt!!
Das Thema mal von der anderen Seite aufgerollt. In weiten Teilen richtig, aber zu viele Satzzeichen. Wir sind doch nicht bei Facebook.

Sachlicher:

{berlin:street}Der scheinheilige „Fall“ Holm

Von der Uni an den HerdLokalblatt: The longest run
Das ist ja wohl die eleganteste Form, ein Blog zu beerdigen. Groß. Und alles Gute.

SchrottpresseFröhliche Weihnachten
Rants! Rants! Kaufen Sie mehr Rants! Frisch vom Mofa.

Soulweeperturnarounds
Wat war da? Ick hab nüschtesehn. Nur Titten. Jipman'n Hackepetabrötchen...

summacumlaudeAlle Jahre wieder, da fährt der Hipster los
Ja da fahren sie wieder und meine Stadt wird leer. Ich muss nicht fahren, ich erb' nix.

unmusPenis
Hihihi. Penis. Penis!

is lieb?Kleines Problem
Holerö.

Ein Eichhorn schlemmt sich durch die Hauptstadt - BerlinbetrachtungenBotanische Erleuchtung zu Weihnachten
Das ist ein astreiner Vorschlag für Leute mit einem Kind, das leuchtende Dinge mag. Danke für den Tipp. Kiek ma, Lüchta:




Und irgendwann, mein lieber Eichi, besuche ich eine der Veranstaltungen deiner Whisky Society, vorausgesetzt du kriegst es mal auf die Kette, früher als einen Tag vorher die Ankündigung dafür zu machen.

die andere kameraBerlin bereitet sich auf die Vierschanzentournee vor
... und Stumpf ist immer Trumpf.

So, ganz zuletzt eine Auftragsarbeit:

westendstoriesWeihnachtskugel gefällig? Blogger machen gemeinsame Sache
Das Erfinden von Geschichten ist nicht meins. Darin bin ich echt schlecht, weit schlechter als im Beschreiben von Dingen. Also habe ich das Kind malen lassen, ich bin spät dran, ich weiß, aber egal, bitte sehr:


Soweit von hier. Ich wünsche ein angenehmes Jahresende. Hier schon mal der qualifizierte Rückblick auf 2017 und, weil ich derzeit nicht koche, sondern dem Kiezschreiber hinterher fresse, eine kulinarische Zugabe. Bei Herrn MiM gab's Schweinebraten. Mit Knödel. Bis die Tage. Bleiben Sie locker. Ohren. Steif. Und so. Sie machen das schon.


Donnerstag, 22. Dezember 2016

Schockstarr mich am Arsch



So. Gut. Ist jetzt genug Zeit vergangen? Können wir drüber reden? Vielleicht haben Sie es mitbekommen. Meine Stadt war jetzt auch einmal Gegenstand der Terrorberichterstattung. Nizza. Boston. Brüssel. Paris. Paris. Paris. Ich krieg’s nicht mehr zusammen. Berlin gehört nun in diese Reihe. Jetzt kann ich das, was sie so berichten, mal mit mir abgleichen, diese Berichte über die Stimmung einer Stadt, in der so ein Ding stattfand, diese Versuche, den seelischen Zustand der Bewohner zu beschreiben, die Schwingungen einzufangen, denen, die nicht hier wohnen, zu verklickern was hier so geht.

Lächerlich.

Ehrlich. Lächerlich. Das meiste von dem Scheiß. Lächerlich.

Ich war unterwegs. An dem Abend. Am nächsten Tag. Zwei Tage später. Bis heute. Wie immer. Wie viele. Wie wohl die meisten. Schockstarre? Nein. Nichts. Niemand. Ich weiß auch warum. Weil hier Berlin ist. Berlin ist beim Bäcker. 3 Schrippen. Bitteschön. Dankeschön. Schönen Tag noch. Berlin ist vor der Kita. Die Erzieherin hat verpennt und ich stehe vor dem verwaisten Eingang mit anderen Eltern in der Gegend herum. Dann kommt sie angerannt. Oh, das tut mir so leid, das ist mir ja noch nie passiert. Macht nix. Passiert den Besten. Die Themen bei den Eltern da vor der Türe? Eine sagt, ihr sei das egal mit dem zu spät kommen, sie arbeite heute zuhause. Eine andere ist etwas hibbelig. Sie hat einen Termin um neun. Ob wir auf ihren Kleinen aufpassen können. Sie müsse los. Wir können das. Wir regeln das. Wir sind locker. Oder hier. Berlin ist Borgwürfel. Mein Arbeitsplatz. Der Garant für dummes Geschwätz. Auch hier keine Schockstarre. Nur ein wenig Fatalismus, der den Beschäftigten sowieso immanent ist. War doch klar, dass hier mal was passiert. Jetzt haben wir es hinter uns. Das Warten darauf war das Schlimmste. Kaffee in der Hand. Och nee, wer hat denn schon wieder diesen drecks Rondo-Kaffee gekauft? Der knallt mir noch die Magenwand weg. Oder da. Berlin ist S-Bahn. Voll wie immer. Keine Panik. Einer, der aus Tunesien stammen könnte, hat einen Rucksack auf dem Rücken und spielt an seinem Smartphone rum. Einen Bart hat er auch. Einen gibt es in der ganzen Bahn, der glotzt den an. Was denkt der wohl? Huhu. Wird er das Ding zünden? Jetzt? Hier in der wie immer überfüllten S42? Natürlich nicht. Gar nix is' da. Der kuckt auch gleich wieder weg. Kein Gepöbel. Niemand thematisiert das, was passiert ist, in der Form, die behauptet wird. Und ich habe ausnahmsweise mal den Player in der S-Bahn ausgemacht. Das Gesabbel dreht sich um den Job. Meistens um den Job. Oder Kinder. Auch hier: Keine Hysterie. Keine Schockstarre. Einmal nur der Satz "Also das mit dem Weihnachtsmarkt lass ich dieses Jahr so lange der Typ noch frei rumläuft." Das war’s. Auch hier nüchterne Festellung der Handlungsoptionen statt Schockstarre. Nix. Nirgendwo. Und ich habe echt zugehört. Die Ohren gespitzt. Die Augen offen gehalten. Berlin blieb locker wie immer. Was schreibt ihr da für einen Scheiß? Wo habt ihr das her? Woher kommt das? Von Twitter wieder? Sitzt einer eurer unbezahlten Praktikanten vor dem Monitor und scannt den Hashtag #PeaceForBerlin, #OhMyLordWePraiseBerlin oder #FickMichInsWeltallBerlin nach diesen ganzen dummen Flaggen, schwarz-rot-goldenen Brandenburger Toren, sinnbildlichen Facebook-Kitschbildchen und routiniertem Betroffenheitsgesäusel? Ist das eure Realität inzwischen? Ach bitte. Ihr schreibt doch nur ab, was das Internet schreibt, oder besser dieser belanglose Teil des Internets, diese 0,01%-Blase plappernder Sprechautomaten aus Berlin-Mitte, die mit dem ganzen Rest der Gesellschaft, der mit mir beim Bäcker, vor der Kita, in der S-Bahn und meinetwegen auch im Borgwürfel steht, nix zu tun hat, nix weiß, nix merkt und stattdessen von wem auch immer alimentiert die Server mit Belanglosigkeiten vollschreibt, was schon Minuten später vergessen ist, außer von den nicht minder abgehobenen Internetvollschreibern der großen Portale, die das abpausen und mit einer knalligen Überschrift vom Grabbeltisch für schlechte Buzzwörter dekorieren.

Gute Nacht. Ich gehe schlafen. Hier war nix, ihr nervigen Trompeter. Gar nix. Hier lief alles wie immer. Die Straßenbahn fuhr. Sogar die S-Bahn fuhr. Beim Bäcker nahm die Bäckereifachverkäuferin 12 Cent für die Schrippe. Zum Abendbrot gab es frisch abgeknödelten Tête de Moine, weil der bei Lidl gerade im Angebot ist. Playstation. Bier trinken. Die Nachbarin lallt Scheiße im Treppenhaus. Ein Penner in der S-Bahn hat sich eingeschissen. Irgendwer hat auf einen Sitz des Bahnhofs Prenzlauer Allee gekotzt. Vermutlich ein Tourist. Mehr war hier nicht. Alles wie immer. Keine Schockstarre. Nicht eine Minute. Hier ist Berlin. Wir haben das ganze Jahr Ausnahmezustand. So etwas wirft hier nur aufgeregte Journalisten aus dem Regierungsviertel aus der Bahn. Sonst nimmt das jeder hin und macht weiter. Ich mag das an meiner Stadt. Ehrlich. Das mag ich sehr. Die Ignoranz. Den Stoizismus. Und ja, dieses Achselzucken und Weitermachen. Und auch wenn hier irgendwann mal ein kapitales Ding hochgeht. Boom. Auch das wird Berlin hinnehmen. Niemand wird da ausrasten. Oder in Schockstarre verfallen. Oder wieder anfangen, eure blöden Zeitungen zu lesen. Da könnt ihr schreiben was ihr wollt, ihr Märchentanten.

Sonntag, 18. Dezember 2016

Eat this, Omma



Wer die letzten Jahre tatsächlich damit verbracht hat, hier mit zu lesen, kennt das komplett zerstörte Verhältnis zwischen mir, dem Vater, und den Ommas. Sie mögen mich nicht. Meist ist es eine Art Stellungskrieg mit gelegentlichen Scharmützeln, in dem wir uns gegenseitig belauern, beäugen, abwartend lauern, immer mal wieder jedoch überfallen sie mein Kind in einer Art Handstreich, quasi ein Putsch durch die kalte Küche, in dem der alte Machthaber (ich) durch den Überraschungsmoment komplett kaltgestellt und übergangslos die unmittelbare Gewalt über den kleinen Menschen übernommen wird, der mich begleitet. 1. 2. Sturzflug. Zugriff.

Revierzwiste zwischen mir und den Ommas um die Lufthoheit über mein Kind sind so sicher wie ein Zugschaden bei der S-Bahn oder die nächste Kostensteigerung beim großartigen Berliner Flughafen - sie kommen ganz sicher. Die Frage ist nur ob jetzt oder in ein paar Minuten. Es ist der Klassiker meiner Vaterschaft: Occupy my baby. Sie putzen dem Kind ungefragt die Nase, fassen an, knuddeln, ermahnen mich, dass die Jacke nicht ganz zu ist und dass es nunmehr Zeit für Handschuhe ist. Sie nehmen sich meines Kinds an und ich habe nur wenige Mittel, denn ich bin im Zweifel nicht der mit den verdammten Süßigkeiten im Jutebeutel. Gummibärchen. Hier, ein Gummibärchen. Das stammt noch aus der Senatsreserve. Iss, Kind, iss. Was sagt der Mann da? Gibt gleich Mittagessen? Spielt doch keine Rolle. Hier, nimm noch eins.

Doch wie immer kommt irgendwann der Tag der Rache. Irgendwann kriegt jeder alles irgendwie zurück, Ying, Yang, Pendeltheorie, das antichristliche Rachedogma, nennen Sie es wie Sie wollen, irgendwann kommt immer eine Gelegenheit für Typen wie mich, die Dinge gerade zu rücken, einen Ausgleich zu erzielen, Dinge zurück zu zahlen. Ich genieße Rache kalt, warte oft lange dafür, denn was es braucht ist eine Gelegenheit. Und wenn die da ist, filetiere ich. Kalt und grausam. Und hier stehen wir jetzt, wir sind soweit, es ist meine Zeit:

Das Kind ist nun in dem Alter, in dem ich ihm beibringen kann, nicht mit Fremden zu reden. Keine Bonbons, kein Kopfstreicheln, kein Dialog ohne dass der Fremde vorher mit dem Kind bekannt gemacht wurde. Das klappt prima und vor allem: Es trifft nur Ommas (und als Kollateralschaden manchmal ein paar harmlose Prenzlauer Berg-Mütter mit widerlichen Hirsekeksen, die sie an fremde Kinder auf dem Spielplatz verteilen). Es trifft also genau die richtigen. Ommas sind die primäre Zielgruppe der Maßnahme, denn Männer sprechen normalerweise keine Kinder an (Pädo, eins aufs Maul, Polizei, Knast, Leben kaputt - eine Linie), andere Kinder tun das in der Regel auch nicht (Berlin, hartes Pflaster, gebotene Vorsicht, sonst Schelle - eine Linie) und auch Mütter halten sich mit direkten Eingriffen meist zurück (oje, da ist ein Papa, unfähig aber bemüht, insofern besser mal beobachten falls was schief geht, aber lassen wir ihn mal machen, wir müssen ja modern sein, auch wenn es weh tut - na? Genau: Eine Linie).

Wenn das Kind also wieder einmal von einer Omma angesprochen und betatscht wird, steht es inzwischen mit ausdrucksloser Miene da, sagt gar nichts und dreht dann ab. Wortlos. Fantastisch. Mit absolut ausdrucksloser Miene. Ich könnte ausflippen. Das kommt von mir. Ausdruckslos schauen. Weil ich das immer mache, wenn mich jemand nervt, ein S-Bahn-Spritti, ein Zeitungsverkäufer oder die ekligen hysterischen Winkestudenten von irgendeinem Tierschutzverein ("Heyyyyiiiiiii duuuu-huuuuuu willst du ein Abooo..."). Ausdruckslose Miene. Und abdrehen. Hach mein Kind. Ich bin sehr stolz. Genau so lässt jeder von Verstand hier in Berlin nervende Leute abtropfen, die hier überall warten, um mit Anlauf fremde Nerven zu zersetzen. Ich kriege mich nicht mehr ein. Mein Werk. Es ist schön, wenn Erziehung Früchte trägt.

Und dann, wenn mich der Jutebeuteldrachen verwirrt anschaut, weil das Kind ums Verrecken gar nicht reagiert, kommt mein Auftritt, meine bis zum letzten Augenblick auszukostende Replik, mein Moment des Siegs, mein Satz: "Das Kleine spricht nicht mit Fremden. Kann ich auch nix machen.", um dann diesen wunderschönen von verwirrt zu vergrämt und wieder zurück wechselnden Gesichtsausdruck zu genießen, der mein Leben wieder lebenswert macht. Und dann abzudrehen. Ohne noch ein Wort.

Eat this, Ommas. Do widzenia.


---
Herr MiM hat das noch vor sich. Wie so vieles.

Samstag, 17. Dezember 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 17. Dezember 2016



Auf dem Bahnsteig. Ein Pärchen.

"Deine Krawatte passt nicht zum Anzug."

"Halt die Fresse."

"Deine... aber ..."

"Halt die Fresse. Ich werf dich vor die Bahn."

Dann grätscht der Lautsprecher dazwischen. "Aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf muss die S42 leider entfallen..."

Mein Berlin.

Noch was? Ja klar. Es gibt jemanden, der nicht mehr mit ansehen konnte, dass ich bei Laufevents immer mit Horden von sendungsbewussten Vegan Runnern konfrontiert werde, die ihrem Umfeld mit ihrer Ernährung auf den Sack gehen. Eine freundliche junge Frau brachte Abhilfe:


Wenn Sie also demnächst einen Läufer mit diesem Logo auf dem Rücken sehen, sprechen Sie mich bloß nicht an. Gefällt? Machen Sie sich auch eines. Lassen Sie uns eine Bewegung gründen. Den Vegan Runnern was entgegen setzen. Tote Schweinereste auf Rücken oder Bauch. Kommen Sie. Machen Sie mit. Make Laufsport great again. Fuck the Moralapostel. (Fürs bessere Verständnis hier noch einmal die Hauptanlässe: Der Veganer vom Plänterwald und Neonpellen, immer wieder Veganer und das blanke Elend)

Vom Thema Essen zum Thema Essen. Der Kiezschreiber hat das Tian Fu als Empfehlung gedroppt, bei mir in die Kommentare gekackt und weil er wohl denkt, dass ich alles vergesse (womit er prinzipiell Recht hat), hat er es kürzlich noch einmal nachgeschissen. Ja, Mann, ja doch, jaaaaaaaa, ich geh' ja schon hin, wieder nach, keine Ahnung, was ist das hier, fucking Wilmersdorf wieder. Weltreise von Prenzlauer Berg, aber wieder erfreulich unaufgeregt, dörflich, sofort einschläfernd, ich entschleunige schon beim Aussteigen aus der U-Bahn. Hier, watch this, ein schöner U-Bahnhof:


Swag haben sie, die Monarchieschlümpfe, das muss man ihnen lassen. Sonst gibt die Gegend wenig her, was Touristen, Mitteschnösel und aufgeregte Bamberger Mediendesignstudentinnen glücklich macht: In den 60ern kleben gebliebe Cafés mit angeschlossener Bäckerei, an deren Tischen in den 30ern kleben gebliebe Greisinnen mit knallroten Escortservicelippen kauern, Modelleisenbahnbedarfe, Boutiquen mit 60er-Mode, irgendwer vertickt Hüte, Lampen, Trödel auch, Eisenwaren, hier muss doch noch ein Eisenwarenladen sein, sagt mir bitte, dass es den hier noch gibt. Hier atmet das alte Westberlin und es sieht nicht aus als ob es so schnell stirbt. Nett. Ich meine das ehrlich. 60er-Jahre. Und mittendrin das hier:


Mit stylisher Inneneinrichtung.


Ich mag das ja. Je weniger desto besser, das Wenige bitte gut gemacht, guter Inneneinrichter, mit Skills, toll, hier, das sind ihre Glühbirnen:


Stylepiloten. Meinen Respekt.

Was die zu essen haben? Scharfes Zeug, fick mich weg, ist das Zeug scharf, aber gut gemacht scharf, rund, aromatisch, die Schärfe noch leicht zitronig, nach dem sie Ihnen die Zunge in Fetzen gebrannt hat. Starker Auftritt. Schönes Lokal. Das hier sind Hühnerfüße, die Reste davon natürlich, ich hasse Essensbilder:


Ich habe eine Frage: Wie kann man Hühnerfüße vernünftig essen, ohne komplett die Würde zu verlieren? Geht das? Sagen Sie mir wie. Ich habe winzige Knochenteile im Bart hängen, die Suppe läuft mir das Kinn runter und meine Finger sehen aus wie nach dem Schlammcatchen, Soße unter den Fingernägeln, Soße am Handgelenk, die in den Ärmel läuft, Soße im Bart. Es braucht drei Servietten, um wieder ein vorzeigbares Mitglied des Gastraums zu werden. Vorder- und Rückseite jeweils. Leckeres Zeug, aber krass in der Handhabung. Helfen Sie mir. Wie isst man das?

So. Mehr Essenreste, hier ein Sechuanirgendwas mit Rind. Schärfegrad 3. Von 3. Aua, es brennt sogar in den Augen beim Hinschauen:


Selbstverständlich ist auch ein Honk da. Wo ich bin, sind immer auch Honks. Ich nenne ihn schon nach kurzer Zeit den Pseudokosmopolitenhonk. Er belästigt den Service, der zu höflich ist, dem Typen aufs Maul zu hauen und ihn aus dem Lokal vor einen fahrenden LKW zu werfen, mit sinnlosen Klugscheißereien aus Fernost. Sein Sohn wohnt in Hongkong, deswegen kenne er sich mit den Sechuanküche sehr gut aus. Der Service versucht darauf hinzuweisen, dass die Küche aus Hongkong sich von der aus Sechuan unterscheidet, Hongkong leichter, Sechuan derber, aber er dringt einfach nicht durch, denn der Quassler quasselt noch mehr aufgeschnappten Scheißdreck, um sich wichtig zu tun, Scheißdreck, von dem kaum etwas stimmt oder Sinn ergibt oder überhaupt jemanden interessiert, schon gar nicht mich, der ich auf mein Wasser warte, weil mir die Fresse brennt und ich Durst habe. Ein Sabbelkopf. Sabbelköpfe finden mich immer. Auch hier in Wilmersdorf. Vermutlich könnte ich zum Mond oder auf den Kometen Hyakutake fliegen und dort würde schon kurz nach meiner Landung ein Sabbler vorbeikommen und einfach drauflos sabbeln. Ein Fluch. Irgendjemand hat mich verflucht. Bestimmt ein Veganer. Oder ein Radfahrer. Oder ein feministischer Jammerkreis. Ich ziehe Sabbler durch Berlin hinter mir her wie im Internet die Trolle. Und alle reden zu viel.

Bleiben die Fakten: 2 Personen. Vier Vorspeisen. Zwei Hauptgänge. Wasser. Kein Alkohol. Das Essen außergewöhnlich gut. 58 Euro. Anständig.

So ist das. Es lohnt sich, dem Kiezschreiber hinterher zu fressen. Er hat Ahnung. Auch wieder ein sehr gutes Lokal.

Bonusinformation, um die keiner gebeten hat: Kein unvaselinierter Arschfick kann so brennen wie die Rosette etwa 6 bis 8 Stunden nach dem Essen im Tian Fu.

Tian Fu
Uhlandstraße 142
Wilmersdorf
http://tianfu.de/tianfu/

Jetzt wollen wir Wortspiele. Den Anfang macht natürlich ein Friseur. Heute ein Oldie, freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Zeilensturm:


Haarpunzel. Meine Güte ist das übel. Wir sind am Boden angekommen. Es geht nicht mehr tiefer. Ra Ra. Das Ra macht es noch viel schlimmer, es scheint mir als Erläuterung angebracht worden zu sein - für die völlig Verblödeten, die das Wortspiel nicht verstehen. Wo habe ich eigentlich meine Zyankalikapseln hingelegt? Vorhin waren sie noch da, ich muss hier weg, diese Gesellschaft tötet mein Hirn langsam und qualvoll, mit Wortspielen...

Das bepissteste Wortspiel diese Woche hat jedoch Spiegel Online in die Welt geschissen:


(Um Himmels Willen nein, ich lese dieses Boulevardportal nicht, irgendwer schickte das in die Telegramgruppe und ich habe es angeklickt. Und das war ausnahmsweise gut so. Als neue Blogwurst fürs Blog.)

Und eine scheußliche Supermarktkette kann dieses uralte Wortspiel mit ihrem Namen nicht lassen, das war schon in den 90ern total oll:


Sehr kreativ. Haben die dafür irgendwelchen Werbeärschen Geld bezahlt oder kam da der Lagerpraktikant während des Scheißens drauf?

Doch warte, hey, ich hab' was krasses gesehen, was richtig krasses, also so richtig krass, das krasseste Ding der Welt, hier, watch this:


Nichts zu sehen? Altersweitsichtigkeit? Hier, zoom this:


Ein Friseur. Punkt. Kein Wortspiel. Nur 'Friseur'. Bam. Nüschte sonst. Was stimmt mit dem nicht? Für wen hält der sich, für einen verdammten Puristen?

Gut jetzt. Zuletzt wird es doch noch einmal kurz ernst: Ich habe die Info von jemandem, der es offenbar gut mit mir meint, bekommen, dass ein mittelmäßiger Kabarettist ganze Abschnitte aus diesem Blog in sein Programm einbaut. Ich kann das nicht verifizieren, weil ich keinen Bock habe, Eintritt zu zahlen, um mir meinen eigenen Mist vorgelesen zu bekommen, deshalb hier noch einmal ganz in Ruhe der Hinweis auf die Creative Commons-Lizenz von dem Ding hier und das was Sie damit tun und vor allem nicht tun dürfen: Klauen Sie. Gerne. Bilder. Texte. Spiegeln Sie in Foren. Ab zu Reddit oder in Ihr eigenes Blog. Oder lesen Sie den Scheiß Ihren Kindern vor. Mir egal. Copy. Paste. Kein Problem. Sie müssen nicht mal fragen, aber bitte verdienen Sie damit kein Geld (nein, auch keine Eintrittsgelder) und wenn Sie schon fremdes Zeug ins Internet knallen, weil Sie nix eigenes auf die Kette kriegen, dann setzen Sie um Himmels Willen einen Link woher Sie es haben. Das ist dann der Unterschied zwischen Fairness und Arschloch. Bitte sehr. Das sind die einzigen Regeln. Überschaubar, oder? Das schaffen sogar Kabarettisten, die so arm dran sind, dass sie sogar im Quatsch Comedy Club auftreten müssen.

Von sinnlosen zu sinnvollen Existenzen. Helfen Sie mit, dass Claudias Projekt "Formulare verstehbar machen" weitergehen kann. Das Projekt übersetzt die gängigen Amtsformulare in eine Sprache, die Flüchtlinge verstehen können, was insofern beachtenswert ist, da ich die Formulare, mit denen hiesige Behörden ihre Bürger quälen, nicht einmal auf deutsch verstehe. Haben Sie noch Geld übrig? Dann geben Sie doch einfach. Es ist sinnvoll.

Die Links. Read this:


M7Der Iwan ist wieder da
Böse böse Russen. Böse Russen. Ach. Böse. Russen. Immer noch. Immer wieder neu. Wie wird sich die Atlantik-Brücke eigentlich mit Trump arrangieren? Und wie werden sie es in ihren Organen verkaufen?

Burks' BlogImpulse für die Kleinbourgeoisie und andere Nachtwächter
Ein zu gut meinender Werber mit Einfluss, Priviliegien und auf jeden Fall ordentlichem Einkommen blacklistet mit zu viel Furor den politischen Gegner, bekommt den erwartbaren Gegenwind und verkauft sich nun als Opfer. Diese absurde und in jeder Hinsicht kontraproduktive Aktion macht Leute wie Tichy und Broder im Ergebnis zu glaubwürdigen Kämpfern für die Meinungsfreiheit. Das ist auf so vielen Ebenen bescheuert.

WestendstoriesBremens saubere Hände
Bigotterie.

FeynsinnDie Hauptstadt ist verloren
Ist sie. Und das ist gut so.

Read on my dear, read onKaffee im Wartesaal
Schlumpfkonzeptkaffeehölle.

LeiseTöneBevor auch die letzten gehen, nochmal einen echten Scheißtext schreiben,
Rants! Rants! Klicken Sie mehr Rants! Klick Klick Klickelifick.

Jahrgang 1953Markus Feldenkirchen und der gesunde Menschenverstand
Da plädiert tatsächlich einer für Red Bull Leipzig. Ehrlich? Die haben Fans? Warum?

Netz 10Noch ist die bayrische Grenze offen
Na? Jemand Bock auf Franken? Nürnberg? Gibt es da nicht diesen fürchterlichen Weihnachtsmarkt voller besoffener Omas? Ich war da mal. Schön war das da nicht. Immerhin haben sie Rock im Park.

DenkfabrikblogThe Procedure
Ja ja ja geil! Der Film des Jahres. Mein Leben in gut drei Minuten auf den Punkt gebracht.

Das Schaaf bloggtNeues Mittwochs-Wasn-Dasn (Aufloesung)
Was es alles gibt. Und das Schlimmste: Da saß jemand dran und hat das Design gemacht. Ein Designer. Für so ein Ding. Frage: Was macht jemand, dessen Job es ist, absoluten Unsinn herzustellen und zu verkaufen? Ich weiß es. Ehrlich. Es gibt exakt zwei Möglichkeiten, in so einem Zustand nicht wahnsinnig zu werden: Sich ritzen. Oder bloggen. Ist echt so.

Zuletzt:

is lieb?Schon gesehen


Dienstag, 13. Dezember 2016

Für den Untergang sorgen wir (nicht)



Der Dezember kommt mit Frost. Der berühmte Berliner Eiswind brennt in mein Gesicht. Ich werde heute Slime sehen. Niemand, den ich kenne, kennt die mehr. Slime? Was ist das? Deutschpunk? Werde ich gefragt. Was ist Deutschpunk? Macht die AfD jetzt Musik? Haha. Sehr witzig. Du Gnom. I kill you.


Warschauer Brücke. Normalerweise trage ich die Bürouniform, wenn ich hier unterwegs bin. Dunkelblauer Anzug. Maß. Dicker Winterstoff momentan. Mantel drüber. Ich bin hier oft unterwegs. Potente Kundschaft. Lassen Sie sich von den grindigen Easyjet-Idiotentouristen auf dem Boulevard der Versifften und Verpeilten nicht täuschen. Hier sitzt das Geld. Sie können es nicht sehen, wenn Sie draußen herumstehen und nicht reinkucken können. Hinter die Fenster. Da sitzt das Geld. Hinter den Fenstern. Abgetönt. Vertrauen Sie mir. Es ist da.


Hier zum Beispiel wird es bald auch sein. Schauen Sie, was sie hier bauen. Sie scheißen alles zu. Es wird eine Mall. Sie nennen das Projekt "Eastside". Wie die Gallery. Einmaleins des Brandings: Nehmen Sie was mit Wiedererkennungswert. Eastside. Eine Mall. Be stupid - go shopping. Oben auf das Plakat hat jemand "Armes Fhain" geschrieben. Armes Friedrichshain. Das ist korrekt. Ganz schön bräsig ist Friedrichshain geworden, dass es sich so widerstandslos in Arsch, Mund und Nasenlöcher penetrieren lässt. Es gab Zeiten, da hätte der Aufsteller gebrannt. Heute bleibt nur Bedauern. Passiv-aggressiv. Als kleines trauriges Statement auf einem protzigen Plakat, das sie nicht mal wegmachen, so egal sind kleine traurige Statements inzwischen. Die Sieger bauen imperial. Sie koten jeden Freiraum zu. Sie haben vernichtend gewonnen. Sie haben das alles gekauft. Kein Widerstand mehr. Und jetzt bauen sie ihre Malls. Und du? Shopp dich um den Verstand oder verpiss dich.


Auf dem Gelände, das sie da gerade zubauen, war mal eine ziemlich siffige Clublandschaft. Siffig, aber geil. Ich erinnere mich an die Busche. Und an das vollkommen verkeimte NonTox. Der Name war ein Euphemismus, denn mit "Non Tox" hatte das da drin und vor allem drumherum nichts zu tun. Sie mussten nur aufpassen, dass Sie alles das, was Sie dort in den Ecken der gammligen DDR-Garagen kaufen konnten, nicht durcheinander genommen haben. Ich habe wenige Erinnerungen an das NonTox. Industrial. Ich glaube, sie haben vorwiegend Industrial gespielt. Ich weiß weder mit wem ich damals da war noch was diese Leute heute machen. Ich erinnere mich dunkel an rote Ledersofas. Ledertypen. Ziemlich fertige Frauen. Rauch. Ich auf dem Schoß von irgendwem. Und irgendwer auf dem Schoß von mir. Ich glaube nicht, dass ich getanzt habe, ich habe nur rumgehangen, vollkommen unproduktiv, über viele Monate, eine vollkommen sinnlose Existenz, aber eine zufriedene. Ich weiß gar nicht mehr viel von dieser Zeit. Ich habe nicht mal eine Ahnung, wann das NonTox zugemacht hat. Irgendwann ums Millennium vermutlich. Jetzt steht hier die O2-Arena, die jetzt Mercedes-Arena heißt, bis sie ein anderer kaufen und seinen Namen in den Nachthimmel branden wird. Dahinter Borgwürfel um Borgwürfel. Schwarz. Grau. Grau. Schwarz. Und jetzt diese Mall. Armes Friedrichshain. Wir singen Abgesänge.


Ich versuche in der von Hauseingangpissern verseuchten Billigfliegerhölle namens Simon-Dach-Kiez, in den ich seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt habe, eine Dose Jacky Cola zu bekommen, oder zwei, besser drei, etwas, das mir dieses bündnisgrüne Wellnessparadies bunter machen wird, aber da ist nichts außer des abzuwickelnden Supermarkts des Kaisers, der seine Dosen nicht kühlt, also muss ich zurück zum U-Bahnhof Warschauer Straße, wo mir Hurensöhne die Dose für 5 Euro verticken. Was für schlechte Menschen. Ich muss mich betrinken und sie nutzen das aus. Betrinken. Vorglühen. Ich habe noch Zeit. Ich möchte mir den Kiez anschauen. Ich möchte wissen, welche Entwicklung er genommen hat. Wie die Lage ist. Schauen, was hier noch geht.


Ein Schnitzelpuff geht. Tourifangidiotenname. Ficken 2000. Arschpoppensodaclub. Fang den Touri. Die Zielgruppe ist klar und da sitzt sie auch schon am Fenster. Fünfzehn-Semester-Soziologie-Gesichter aus Bremen. Mit Papa und Mama, die das Ganze hier finanzieren und die man in den Simon-Dach-Kiez ausführt, weil es hier Schnitzel gibt wie in Ischgl, nur mit so einem supercoolen Hip Hip Berlin-Namen wie Schnitzelpuff. Den Schriftzug können Papa und Mama knipsen und dann zuhause den ungläubigen Daheimgebliebenen zeigen wie wild und versaut Berlin ist. Schnitzelpuff. Hach. So ist eben Berlin.


Oder kuck mal da. Hip Hip Hyperlokal. Hier, ihr tollen hyperlokalen Regiofreaks, nur für euch. Ne Kieztanne. Totaaal lokal. Aus deinem Hain. Hain. Hain. Wer denkt da nicht an Friedrichshain? Jaja. Zum flauschigen Leben gehört natürlich ein Weihnachtsbaum, aber bitte mit Bio. Und von hier. Und aus dem Kiez. Von hier. Denken Sie? Nix da. Sauerland, bitches. Das Internet weiß alles. Kieztanne. Marketing für Dummies. Heute schon einen Idioten gefangen?


Simon-Dach-Fuck. Überall Scheißläden. Scheißnamen. Scheißzeug zu kaufen. Spielzeug für die gelangweilte neureiche Kinder auf Identitätssuche. Kalkuliert kindisch. Die Schweighöferisierung eines ganzen Bezirks. Ich weiß gar nicht, wo das Prekariat aus den Randgebieten bleibt. Die, die so leben wie die hier im Simon-Dach-Puff in der ironischen Version für viel Geld aussehen. Doch doch, wartet wartet nur ein Weilchen. Irgendwann kommen sie und ziehen euch eure ironischen Jogginghosen, eure ironischen Feinrippunterhosen und eure ironischen Blaumänner über die Ohren. Ihr Vinylgesichter.


Wenigstens haben sie auch hier scheiß Wortspiele. Als wären sie ein Friseur. Hier, komm, ich hab noch mehr, schafft 1, 2, 3, viele Vietnams Schuhläden: Schuhting. Schuhperb. SchuhDSSR. Los. Töte mich mal einer. Bitte. Es ist unerträglich.


Auf dem Weg zum Astra treffe ich noch einmal auf die Verticker, die mir schon auf dem Weg von der Warschauer Brücke aufgefallen sind. Krass viele Verticker hier. Enorm viele. Das war früher nicht. Ein wahres Spalier. Hash? Cocaine? Meth? Hey, Hash? Come on. Meth? Come oooon. Natürlich kauft man hier nicht. Wenn Sie gute Drogen haben wollen, kaufen Sie nicht an solchen Ecken wie ein Tourist und lassen sich hier im Hostelhonkhoneypot von ein paar armen Teufeln abrippen. Lassen Sie es ruhig angehen. Haben Sie Geduld. Lernen Sie die richtigen Leute kennen. In Bars. In guten Bars. Freunde von Freunden. Vertrauen ist alles. Machen Sie eigene Kanäle klar. Leute, die Sie nach einer Weile privat treffen können. Die selber brauen. Handcrafted, my dear. Das bessere Zeug. Nicht der Scheiß, der da unten vor dem dummen analogen Photoautomaten an arglose Idioten verscheuert wird, die es nicht besser wissen, aber Geld haben. Zeug von Leuten, die Sie nicht abrippen. Guten Leuten. Drogen sind Vertrauenssache. Und auf Straßen vertraut man nicht.


Astra. Slime wartet. Und Til Schweiger hat ein Schild geschrieben. Sieben Ausrufezeichen. Sehr schön. Mir fällt auf, wie viele Leute hier immer noch rauchen. Ich kenne das so krass gar nicht mehr. Ich komme aus Prenzlauer Berg. Rauchen ist dort ausgerottet. Niemand raucht da mehr. Hier schon. Ein Stelldichein der Freunde der Krebslunge. Ich finde ja die Dampfer viel schlimmer. Was für ein dämlicher Hype. Karamell. Lakritze. Tuntiges Erdbeeraroma. Gezogen aus einem Metallding, das aussieht wie Spritzbesteck, bei dem vorne eine LED-Lampe leuchtet, die die Glut einer normalen Zigarette vortäuschen soll. Meine Güte. Das sieht nicht nur vollkommen bescheuert aus, das ist vollkommen bescheuert. Und raus kommt nur gruselige Duftbaumscheiße, mit der arglose Konzertbesucher eingenebelt werden. Ein Aroma wie My Little Pony. Gummibärchenwichse. Schlumpfkotze. Hey, bitte, ich bin kein Purist, aber das hat zum einen wirklich nichts mit Punkrock zu tun und zum anderen riecht es hier wie in einem verschissenen Erdbeerpuff. Was soll das denn? Könnt ihr nicht wenigstens kiffen? Was stimmt mit euch nicht?


Astra. Lampenladen. Heute ist Veteranentag. Es gibt nur wenig Traurigeres als alternde Punks. Ich sehe einen locker 50jährigen mit lichtem grünen Iro. Typen weit in den 40ern mit Springerstiefeln an Hochwasserhosen und Nietenarmbändern. Meine Güte. Hier sind die, die überlebt haben. Hey, möchte ich rufen, hey, Ihr seid nur noch der Rest. Es ist wie nach einem Krieg. Die Besten sind tot. Und übrig sind nur die, die es nicht ganz so krass gebracht haben, so dass sie tatsächlich die 50 erlebt haben. Rentnerpogo. Ich warte darauf, dass einer in so einem pissegelben Sex Pistols-Shirt mit Gehhilfe hier reinwackelt. Leider passiert das nicht. Das macht die Angelegenheit seltsam unvollständig.


Ich nehme einen Jack an der Bar und höre, wie schon jemand auf der Bühne dilettiert. Die Vorband heißt DivaKollektiv. Sie ist kacke. Vorbands. Ich hasse sie alle. Die hier machen Babypunk. Sehr schlimm. Texte wie Menstruationsbeschwerden, eine kreissägeneske Stimme, die Murat Kurnaz in Guantanamo dazu gebracht hätte, die Schuld am zweiten Weltkrieg einzuräumen, und ein Gitarrist, der von den Frauen von Bass und Gesang angepflaumt wird, sobald er auch mal was ins Mikrofon spricht. Ganz schlimm. PMS-Gedudel. Nölig. Schwachbrüstig. Das ist Punk heute. Er ist keine Gefahr. In ein paar Jahren werden auch sie eine Familie gegründet haben und sehr glücklich pausbäckig sein. Und Bugaboos durch Friedrichshain schieben. Smoothie in der Hand. Kieztanne im Wohnzimmer. Bis auf den Gitarristen. Der wird sich vermutlich erschossen haben. Weil ihn nie jemand was sagen lassen hat.


Slime. Endlich richtige Musik. Die Lautstärke ist krass. Ich habe wieder die Ohrendinger vergessen, die ich immer vergesse, also haben wieder tausende Haarzellen in meinem Ohr ihr Leben gelassen. Morgen beim Kaffee wird es immer noch fiepen. Nein, das ist nicht gesund. Doch, ich werde das wieder machen. Der Körper muss den Bach runter.

Es ist ein großartiger Auftritt. Eine großartige Band. Das hat gesessen. Die alten Männer und die alte Frau haben noch einmal gezeigt wie es geht. Wie man es macht. Wie ein Aufruf zur Rebellion geht. Wie Haltung geht. Punk. Direkt. Politisch. In die Fresse. Zwischendrin drei Stücke in Acoustic. Und Dirk Jora geht von der Bühne. Wahrscheinlich zur Dialyse, keine Ahnung, jedenfalls kommt er irgendwann wieder. Zur Zugabe. Noch eine Zugabe. Und noch eine. Dann ist gut. Die da oben sind durch. Sind auch nicht mehr die Jüngsten. Sowieso, ich fühle mich gerade wie mein eigener Uropa, nachdem die Rolling Stones in der Waldbühne gespielt haben. Sind ganz schön alt geworden. Sie können nicht mehr, Sie sind wirklich durch, das hat man gesehen. Als ich diesen Gedanken nachhänge, brüllt mir ein ein alter hässlicher Hippie Scheißdreck ins Ohr. Natürlich nimmt er für seinen Scheißdreck, den er irgendwem ins Ohr brüllen muss, mich. Das ist folgerichtig, denn ich habe so ein Bitte-sprechen-Sie-mich-an-und-erzählen-Sie-mir-Ihren-ganzen-Scheißdreck-der-Ihnen-gerade-auf-der-Seele-liegt-Gesicht. Ich ziehe solche Leute an. Sie finden mich überall. Und erzählen mir Dinge. Scheißdreck. Viel Scheißdreck. Einfach so. Ohne dass ich das wissen will. Ohne dass ich danach gefragt habe. Der Hippie brüllt mich an:

Hääääääh! Was? Das war's schon? Schon vorbei? Ey, das war's doch noch nicht, nä? Sachdoma, nä?

(halt die Fresse)

Nur einmal Zugabe! Geht doch gar nicht, nä?

(halt die Fresse)

Is ja auch nich mehr das wasses ma war! Nä? Sachdoma, nä?

(halt die Fresse oder ich zünd' dich an) 

Die sind eben alt, sage ich, und drehe mich weg.

Na und? Ick och! Ick bin och alt! Ha! Brüllt der Hippie hinter mir her. Einen noch. Einen müssen sie immer draufsetzen. Ich muss hier raus. Ich brauch 'nen Drink. Einen Späti. Irgendeinen Späti. Notfalls zuhause in Prenzlauer Berg. Wir haben da tatsächlich noch welche.


Eisige Luft. Da ist das Oktagon. Das jetzt Saray heißt. Der beschissenste Döner der Welt, der nur getoppt wird von der beschissensten Chinapfanne der Welt, die der Laden auch verkauft. So einen Dreck, den sie dort unter die Völker der Welt werfen, fressen nur Besoffene und so besoffen bin ich noch lange nicht. In der Straßenbahn, die mich nach Hause fahren soll, kapern minderjährige Schwachköpfe, die keinen Alkohol vertragen, den Raum. Sie brüllen Marmor Stein und Eisen bricht. Dam Dam. Dam Dam. Ich drehe die Lautstärke vom Player hoch und drücke das Plastik noch ein wenig weiter in den Gehörgang. Untergang. Schweineherbst. Rebellen. Auf Höhe Arnswalder Platz steigen die Bratzen aus. Ihr Lieblingslied hallt noch nach. Dam Dam. Dam Dam.

Später an der Eberwalder Straße verlieren noch mehr Vollidioten, die keinen Alkohol vertragen, jede Würde. Sie brüllen Joanna. Die geile Sau. Konopke hat schon zu. Focaccia gibt es auch nicht mehr. Nur Ali Baba hat noch auf. Der hieß früher mal Ali Baba und die 40 Hähnchen. Der Name war irgendwie cooler, denke ich, als die Vollidioten wieder anfangen zu brüllen. Olé Olé. Wir fahr'n in Puff nach Barcelona. Eine Frau erbricht sich neben einen Poller. Einer filmt das. Ich schaue zum Viadukt. Der Späti dort wird mir Alkohol verkaufen. Ich brauche den Alkohol. Ich muss das alles hier runterspülen. Weil sie ficken. Sie ficken meine Stadt. In Mund, Arsch und Nasenloch.